Zum Thema
Kann KI Schule besser machen?
Als Tutor, Feedbackgeber, Sprachlernassistent oder Ideengeber: Künstliche Intelligenz eröffnet neue Möglichkeiten für den Unterricht. Doch zwischen technologischem Potenzial und schulischer Praxis liegen noch viele Fragen. Wie kann KI Lehr- und Lernprozesse sinnvoll unterstützen? Wo sind ihre Grenzen? Und wie gelingt ein verantwortungsvoller Einsatz im Schulalltag? Über diese Fragen haben wir mit Prof. Dr. Sebastian Becker-Genschow gesprochen – insbesondere mit Blick auf den Einsatz von KI-Chatbots.
Prof. Dr. Sebastian Becker-Genschow
KI in der Schule – im Gespräch mit Prof. Dr. Sebastian Becker-Genschow
Herr Professor Becker-Genschow, wenn über KI in der Schule gesprochen wird, stehen häufig zunächst die Risiken im Vordergrund. Sie plädieren jedoch dafür, auch die Risiken in den Blick zu nehmen, die entstehen, wenn KI nicht genutzt wird. Warum braucht Schule aus Ihrer Sicht KI?
Die äußerst dynamische Entwicklung im Bereich KI – insbesondere bei generativer KI – führt zu tiefgreifenden gesellschaftlichen Veränderungen, und das mit einer bis dato beispiellosen Geschwindigkeit. KI ist damit bereits Teil unserer Lebens- und Arbeitswelt geworden und ihr Einfluss auf unsere Gesellschaft wird weiter zunehmen. Schule kann und sollte sich dem nicht verschließen – denn sie hat den Auftrag, junge Menschen auf genau diese Welt vorzubereiten. Lernen über KI wird damit zu einem integralen Bestandteil des Bildungsauftrags von Schule. Darüber hinaus eröffnet der Einsatz von KI-basierten Lernsystemen aber auch vielfältige didaktische und pädagogische Potenziale zur Gestaltung von schulischen Lehr- und Lernprozessen. Insbesondere bietet Lernen mit KI erstmals die Möglichkeit, die mir als Bildungsforscher besonders am Herzen liegt: Individualisierung im Unterricht tatsächlich für alle umzusetzen – nicht nur als bildungspolitische Forderung, sondern als konkrete Praxis. Eine bessere individuelle Förderung ist gerade für das deutsche Schulsystem von entscheidender Bedeutung, da der Bildungserfolg in Deutschland nach wie vor eng an die soziale Herkunft gekoppelt ist. Kinder aus bildungsnahen Haushalten erhalten häufig umfangreiche Unterstützung durch kompetente Begleitung im Elternhaus oder Nachhilfe. Aber was ist mit den Kindern, deren Familien sie nicht adäquat unterstützen und sich Nachhilfe schlicht nicht leisten können? KI-basierte Lernsysteme könnten insbesondere für jene Kinder einen echten Unterschied machen! Wenn solche Systeme kostenlos zur Verfügung stehen, bieten sie allen Schülerinnen und Schülern – unabhängig von der sozioökonomischen Herkunft – die Chance, im und über den Unterricht hinaus zu lernen und sich individuell weiterzuentwickeln. Das könnte ein substanzieller Hebel sein, um die strukturell verankerte Chancenungleichheit in unserem Bildungssystem zu reduzieren. Wenn wir KI also nicht oder nur sporadisch nutzen, verpassen wir eine Gelegenheit für bessere Bildungschancen für alle und damit mehr Bildungsgerechtigkeit.
Warum sollte Schule KI nutzen?
Verantwortung
- KI ist bereits Teil unserer Lebens- und Arbeitswelt, ihr Einfluss wird zunehmen.
- Schule hat den Auftrag, junge Menschen auf diese Welt vorzubereiten.
Potenzial
- Individualisierung im Unterricht tatsächlich für alle umzusetzen
- Reduktion von sozioökonomisch verankerter Chancenungleichheit im Bildungssystem
Kostenfreie KI-basierte Lernsysteme könnten ein substanzieller Hebel sein, um die strukturell verankerte Chancenungleichheit in unserem Bildungssystem zu reduzieren.
Und welche tatsächlichen Risiken beim Einsatz von KI in der Schule sollten wir zugleich ernst nehmen?
Ich möchte hier auf vier zentrale Aspekte eingehen, die aus meiner Sicht für die Einschätzung der Risiken für den schulischen Einsatz besonders relevant sind.
Der erste Aspekt betrifft Datenschutz und Datensicherheit. Beides ist bei der Nutzung von KI-Systemen durch Schülerinnen und Schüler zu gewährleisten, da es sich um Daten von Minderjährigen handelt, die unter besonderem Schutz der Datenschutz-Grundverordnung stehen.
Der zweite Aspekt betrifft systematische Verzerrungseffekte. KI-basierte Systeme – ob adaptive Lernplattformen, Empfehlungssysteme oder KI-Chabots – basieren auf Daten und Modellannahmen, die bestehende strukturelle Ungleichheiten, Stereotype oder Vorurteile enthalten können. Diese Verzerrungen wirken häufig implizit und können sich im schulischen Kontext systematisch auswirken, etwa wenn Lernenden differenzierte Lernangebote vorenthalten bleiben oder Leistungen verzerrt beurteilt werden.
Der dritte Aspekt betrifft sogenannte Halluzinationen – ein zentrales, strukturelles Problem von KI-Chatbots. Damit sind Ausgaben gemeint, bei denen Informationen, Fakten oder Quellenangaben generiert werden, die zwar sprachlich plausibel klingen, aber faktisch falsch oder frei erfunden sind. Im schulischen Kontext ist das besonders problematisch, weil Lernende – insbesondere jüngere Schülerinnen und Schüler – die Autorität einer technologischen Quelle häufig nicht hinterfragen und fehlerhafte Informationen unkritisch übernehmen könnten.
Über diese drei technologischen Aspekte hinaus möchte ich noch auf einen vierten Aspekt hinweisen, welcher die Seite der Lernenden selbst betrifft. So kann beobachtet werden, dass Schülerinnen und Schüler KI-generierte Inhalte mitunter ohne jede kritische Reflexion übernehmen oder auch kognitive Prozesse, welche sie für einen nachhaltigen Wissens- und Kompetenzerwerb eigentlich selbst durchführen müssten, bisweilen vollständig an die KI auslagern. Plakativ wird dieses Phänomen bisweilen als metakognitive Faulheit bezeichnet. Eine mögliche Konsequenz daraus ist ein sogenannter Inversionseffekt: Statt die aktive und tiefgehende Auseinandersetzung mit dem Lerngegenstand zu fördern, verbleiben die Lernenden in einer passiven und oberflächlichen kognitiven Verarbeitung – es wird also genau das Gegenteil dessen erreicht, was eigentlich beabsichtigt war.
Risiken beim Einsatz von KI in der Schule
- Datenschutz und Datensicherheit
- systematische Verzerrungseffekte
- Halluzinationen
- metakognitive Faulheit
Schauen wir auf den Schulalltag: Wie können KI-basierte Anwendungen Lehr- und Lernprozesse konkret unterstützen?
Das größte Potenzial von KI liegt aus meiner Sicht in der Individualisierung und adaptiven Unterstützung von Lernprozessen. KI-basierte Systeme ermöglichen es, Lerninhalte passgenau aufzubereiten und an das Vorwissen sowie die Bedürfnisse einzelner Lernender anzupassen. Eine solche Individualisierung ist vor dem Hintergrund der zunehmenden Heterogenität in den Schulklassen von großer Bedeutung. Bildungspolitisch wird eine stärkere Individualisierung zwar seit Langem gefordert, doch häufig bleibt es bei Appellen – konkrete Antworten auf die Frage, wie Individualisierung im alltäglichen Unterricht tatsächlich umgesetzt werden kann, fehlen weitestgehend. Und wenn wir die schulische Realität nüchtern betrachten: Wie sollen Lehrkräfte in einer Unterrichtsstunde von 45 Minuten in einer Klasse mit bis zu 30 Kindern mit unterschiedlichen Lernvoraussetzungen alle gleichzeitig individuell fördern? Ohne technologische Unterstützung ist das schlicht nicht leistbar. KI-basierte Systeme bieten nun erstmals die realistische Chance, den häufig noch vorherrschenden tradierten Einheitsunterricht tatsächlich durch eine stärker lernendenzentrierte, individualisierte Unterrichtsgestaltung abzulösen. Ein entscheidender Vorteil ist dabei die unmittelbare Verfügbarkeit der KI-Unterstützung: Verständnisfragen können in Echtzeit beantwortet werden, ohne dass Wartezeiten entstehen. Gleichzeitig können Lerninhalte in unterschiedlichen Formaten bereitgestellt werden. Für den Übungsprozess können Aufgaben und Selbstevaluationen automatisch generiert, angepasst und ausgewertet werden. Dadurch entsteht ein kontinuierlicher Feedbackkreislauf, der selbstgesteuertes Lernen unterstützt. Auch für die Inklusion von Lernenden mit Beeinträchtigungen eröffnen sich neue Möglichkeiten – etwa durch automatisiertes Vorlesen von Texten, die Aufbereitung von Inhalten in leichter Sprache oder verbale Bildbeschreibungen für sehbeeinträchtigte Schülerinnen und Schüler.
Praxistipps für den Unterricht
KI verbessert Unterricht nicht automatisch. Der Einsatz von KI wird dann wertvoll, wenn Lehrkräfte sie didaktisch gezielt einsetzen und Lernende zum eigenen Denken anregen. Wichtig ist, vorab klare Regeln zu vereinbaren: Keine persönlichen Daten eingeben, KI-Nutzung transparent machen und Ergebnisse nicht ungeprüft übernehmen.
Sie beschäftigen sich besonders mit KI-Chatbots. Was genau ist darunter zu verstehen, und wie könnte ein Einsatz im Unterricht aussehen? Wo liegen dabei aus Ihrer Sicht die didaktischen Potenziale – und wo die Grenzen?
KI-Chatbots sind dialogbasierte Systeme, die auf Sprachmodellen basieren und in natürlicher Sprache mit Nutzenden interagieren. Als prominente Beispiele wären hier ChatGPT von OpenAI oder Claude von Anthropic zu nennen. Im schulischen Kontext können sie als personalisierter Lernbegleiter eingesetzt werden, welcher in unterschiedlichen Funktionen und in verschiedenen Phasen des Lernprozesses den Lernenden unterstützen kann. Durch einen KI-Chatbot kann der Zugang zu Wissen wesentlich vereinfacht und dadurch die Aneignung von Wissen beschleunigt werden: Für den Lernprozess relevante Informationen lassen sich automatisiert aus dem Internet oder eigens angelegten digitalen Dokumentensammlungen zusammentragen und übersichtlich sowie kompakt für den Lernenden aufbereiten – und zwar in unterschiedlichen Darstellungsformen, etwa als zusammenfassender Text, als erklärendes Video oder auch als Podcast. Des Weiteren kann ein Chatbot während des Lernprozesses in Echtzeit personalisiert unterstützen, indem er etwa Verständnisfragen instantan beantwortet, gezielte Hilfestellungen anbietet oder zusätzliche Erläuterungen bereitstellt. Er übernimmt damit gewissermaßen einen didaktischen »First-Level-Support«: Der Chatbot ist der erste Ansprechpartner, sobald der Lernprozess ins Stocken gerät – ein Warten auf die Lehrkraft entfällt. Die Lernenden entscheiden dabei selbst über Art und Ausmaß der Unterstützung, was die Lernautonomie und auch die Motivation stärken kann. Nicht zu unterschätzen dabei ist der Wegfall der »menschlichen Hürde« in der unmittelbaren Lernprozessunterstützung. Da Lehrkräfte auch eine Rolle einnehmen, in der sie Lernende bewerten, fällt es Schülerinnen und Schülern oftmals schwer, Fehler gegenüber der Lehrkraft einzugestehen oder wiederholt Nachfragen zu stellen, da sie die Befürchtung haben, dies könnte einen negativen Einfluss auf ihre Beurteilung durch die Lehrkraft haben. Eine anonyme Unterstützung durch einen Chatbot entschärft diese Hemmungen und schafft einen geschützten Raum für eine neue Offenheit gegenüber dem eigenen Lernen. Eine weitere Einsatzmöglichkeit besteht in der automatisierten Erstellung von Übungs- und Selbstevaluationsaufgaben in unterschiedlichen Formaten – etwa Lückentexte, Kreuzworträtsel oder Quizfragen. Format und Schwierigkeitsgrad können dabei an die individuellen Bedürfnisse und den aktuellen Lernstand angepasst werden. Werden Aufgaben falsch gelöst, stellt der KI-Chatbot gezielte Hilfestellungen bereit, die den Lernenden befähigen, die Aufgabe eigenständig zu lösen – ein Ansatz, der dazu beitragen kann, Frustration im Übungsprozess zu vermeiden und Erfolgserlebnisse zu ermöglichen. Zusammengenommen liegt damit das zentrale didaktische Potenzial in der Möglichkeit einer tatsächlichen, alltagstauglichen Individualisierung von Lernprozessen. Durch die automatisierte und personalisierte Aufbereitung von Lerninhalten stehen dem Lernenden mehr zeitliche und kognitive Ressourcen für die aktive Wissenskonstruktion zur Verfügung. Die Grenzen des Einsatzes liegen dort, wo die aktive Auseinandersetzung mit dem Lerngegenstand ersetzt statt unterstützt wird. Aus lerntheoretischer Perspektive ist die aktive Wissenskonstruktion durch den Lernenden essenzielle Voraussetzung für nachhaltiges Lernen. Ein Chatbot sollte daher in einer unterstützenden Funktion zum Einsatz kommen – die Kontrolle über den eigenen Lernprozess muss stets beim Lernenden selbst verbleiben. Dazu bedarf es allerdings einer ausgeprägten Selbstregulationskompetenz. Diese kann jedoch nicht einfach bei den Kindern und Jugendlichen vorausgesetzt werden, sondern sollte vielmehr systematisch und kumulativ über alle Jahrgangsstufen und Fächer hinweg entwickelt und gefördert werden.
Damit KI sinnvoll im Unterricht eingesetzt werden kann, brauchen Lehrkräfte bestimmte Kompetenzen. Welche sind aus Ihrer Sicht besonders wichtig? Wo können Lehrkräfte diese Kompetenzen erwerben oder weiterentwickeln?
Die Frage nach Lehrkräfte-Kompetenzen ist von entscheidender Bedeutung – denn die Technologie allein macht noch keinen besseren Unterricht. So vielversprechend die Potenziale von KI auch sein mögen: Entscheidend für einen tatsächlich lernwirksamen Einsatz ist stets die didaktisch und pädagogisch durchdachte Einbindung durch die Lehrkraft. Erst wenn diese gelingt, lassen sich die Potenziale der Technologie für den alltäglichen Unterricht entfalten. Es geht also ausdrücklich nicht darum, die Lehrkraft zu ersetzen – das wäre ein grundlegendes Missverständnis. Vielmehr geht es darum, den Unterricht zu bereichern, die individuelle Förderung zu erleichtern und Lehrkräfte von Routineaufgaben zu entlasten. Für einen lernwirksamen Einsatz benötigen Lehrkräfte ein Zusammenspiel aus technologischen, didaktischen und reflexiven Kompetenzen. Zunächst sollten Lehrkräfte ein grundlegendes Verständnis dafür entwickeln, wie KI-Systeme funktionieren, welche Möglichkeiten und welche systemimmanenten Grenzen diese haben – etwa hinsichtlich der beschriebenen Halluzinationen – und wie sie sich für den jeweiligen Lerninhalt und die spezifische Lerngruppe konfigurieren lassen. Darüber hinaus sollten Lehrkräfte auch über ethische und datenschutzrechtliche Aspekte der Technologie informiert sein. Von zentraler Bedeutung sind zudem Fähigkeiten und Fertigkeiten, KI-Anwendungen in ein durchdachtes didaktisches Gesamtkonzept für den Fachunterricht einzubetten und dadurch auch die Selbstregulationsfähigkeiten bei den Schülerinnen und Schülern im Umgang mit KI zu fördern. Die genannten Kompetenzen müssen strukturell in die Lehrkräftebildung über alle Phasen hinweg integriert werden – vom universitären Studium über das Referendariat bis hin zur berufsbegleitenden Fort- und Weiterbildung. Es reicht nicht aus, vereinzelte Workshops oder Informationsveranstaltungen anzubieten. Vielmehr braucht es ein curricular verankertes, fachspezifisches Professionalisierungskonzept, das Lehrkräfte dafür qualifiziert, KI reflektiert, kritisch und didaktisch fundiert im Unterricht einzusetzen. Der entscheidende Punkt dabei ist die Verzahnung der einzelnen Phasen der Lehrkräftebildung, damit ein kumulativer Kompetenzaufbau gelingen kann.
Viele Lehrkräfte sind neugierig, zugleich aber noch zurückhaltend. Welche ersten Schritte empfehlen Sie Lehrkräften, die sich dem Thema KI annähern möchten? Und was würden Sie denjenigen sagen, die noch unsicher oder skeptisch sind?
Lassen Sie mich zunächst klarstellen, dass ich als ehemaliger Lehrer die Vorbehalte der Kolleginnen und Kollegen durchaus nachvollziehen kann. Die Technologie hat in sehr kurzer Zeitspanne Einzug in vielfältige Bereiche unserer Lebenswelt gehalten, Schule eingeschlossen. Lehrkräfte hatten demnach also wenig Zeit, sich neben ihren mannigfaltigen weiteren Aufgaben mit der Technologie auseinanderzusetzen. Zudem wurden auch schnell Anforderungen an die Lehrkräfte gerichtet, insbesondere aus der Bildungspolitik, ohne aber die strukturellen Rahmenbedingungen an den Schulen für den systematischen Einsatz solcher Systeme zu schaffen. Auch das Angebot an entsprechenden Qualifizierungsangeboten, insbesondere bezüglich didaktischen und pädagogischen Konzepten für den sinnhaften Einsatz von KI, war (und ist es meiner Ansicht nach auch noch heute) nicht ausreichend. Eine fehlende Unterstützung der Lehrkräfte führt dann oftmals zu einem Gefühl der Überforderung und in der Folge dann auch zu einer ablehnenden Haltung gegenüber der Technologie. Umso wichtiger ist es, neugierige Kolleginnen und Kollegen durch Fort- und Weiterbildungsmaßnahmen zu unterstützen. Der erste und zugleich wichtigste Schritt dabei ist, die Technologie selbst auszuprobieren – praktisch und hands-on, nicht nur theoretisch. Viele KI-Chatbots sind mittlerweile niedrigschwellig und sogar kostenfrei zugänglich und lassen sich in natürlicher Sprache konfigurieren. Man braucht keinerlei Programmierkenntnisse, um einen Chatbot für ein bestimmtes Unterrichtsthema einzurichten und zu erproben. Es ist wichtig, dass die Kolleginnen und Kollegen selbst erfahren, welche Vorteile die Nutzung von KI-Anwendungen für die eigenen beruflichen Tätigkeiten und insbesondere für die Gestaltung von Unterricht bieten. Der Weg führt dabei vom Explorieren und Experimentieren im geschützten Raum bis hin zur schrittweisen und reflektierten Integration in den eigenen Unterricht. Es geht dabei nicht darum, sofort perfekte Lösungen zu entwickeln, sondern Erfahrungen zu sammeln und daraus zu lernen. Wichtig dabei: Die Nutzung ist nicht auf bestimmte Schulformen oder Fächer beschränkt. Denjenigen, die noch skeptisch oder unsicher sind, möchte ich Folgendes mit auf den Weg geben: Skepsis ist durchaus legitim. Eine kritisch-reflektierte Haltung gegenüber neuen Technologien ist prinzipiell wünschenswert. Entscheidend ist jedoch, diese nicht in Ablehnung münden zu lassen, sondern als Ausgangspunkt für eine kritische und zugleich konstruktive Auseinandersetzung zu nutzen. Denn am Ende kommt es nicht auf das technische Werkzeug an, sondern auf die pädagogische und didaktische Gestaltung seines Einsatzes. Und genau dafür braucht es Ihre professionelle Expertise als Lehrkraft.
KI als Unterstützung, nicht als Lösungslieferant nutzen
KI sollte Lernende unterstützen, aber ihnen die aktive Auseinandersetzung mit dem Lerngegenstand nicht abnehmen. Sinnvoll ist der Einsatz dann, wenn Schülerinnen und Schüler Hilfe erhalten, ohne direkt fertige Lösungen zu übernehmen.
Praxisidee:
Formulieren Sie klare Arbeitsaufträge wie:
»Lass dir von der KI einen Tipp geben, aber keine vollständige Lösung.«
»Bitte die KI, dir einen Fehler in deiner Lösung zu erklären.«
»Lass dir drei Rückfragen stellen, bevor du weiterarbeitest.«
So bleibt die Verantwortung für den Lernprozess bei den Lernenden.
KI-Nutzung transparent reflektieren
Damit KI lernförderlich bleibt, sollten Schülerinnen und Schüler offenlegen, wie sie KI verwendet haben. Nicht die Nutzung an sich ist problematisch, sondern unreflektiertes Kopieren.
Praxisidee:
Ergänzen Sie Arbeitsaufträge um kurze Reflexionsfragen:
»Wobei hat dich KI unterstützt?«
»Was hast du selbst entschieden, verändert oder ergänzt?«
»Welche KI-Antwort hast du überprüft oder verworfen?«
So wird sichtbar, ob KI als Werkzeug oder als Denk-Ersatz genutzt wurde.
Kritischen Umgang mit KI systematisch einüben
KI kann falsche, verzerrte oder erfundene Informationen liefern (sogenannte Halluzinationen). Deshalb sollten Schülerinnen und Schüler lernen, Ergebnisse nicht ungeprüft zu übernehmen. KI-Kompetenz bedeutet auch: prüfen, vergleichen, hinterfragen.
Praxisidee:
Führen Sie eine »KI-Checkliste« ein:
»Klingt die Antwort nur plausibel oder ist sie belegbar?«
»Welche Quelle bestätigt die Information?«
»Gibt es Widersprüche zu Unterrichtsmaterialien?«
»Welche Perspektiven fehlen? «
»Könnte die Antwort Vorurteile oder Verzerrungen enthalten?«
Diese Reflexion sollte regelmäßig Teil der Arbeit mit KI sein.
Fehlerkultur stärken
Viele Schülerinnen und Schüler trauen sich nicht, vor der Lehrkraft wiederholt nachzufragen oder Fehler offenzulegen. KI kann einen geschützten Übungsraum bieten, in dem Lernende Fragen stellen, Entwürfe testen und sich Erklärungen mehrfach geben lassen können.
Praxisidee:
Schülerinnen und Schüler können Prompts nutzen wie:
»Erkläre mir meinen Fehler, ohne die Lösung direkt zu verraten.«
»Gib mir einen kleinen Hinweis, wie ich weiterdenken kann.«
»Stelle mir eine leichtere Voraufgabe.«
So wird KI zur Unterstützung beim Lernen aus Fehlern.
Zum Abschluss: Welche Rolle sollte KI Ihrer Meinung nach künftig in Schule und Unterricht spielen?
KI weist vielfältige und zunehmend empirisch gut belegbare Potenziale auf, Lernprozesse individualisiert zu unterstützen, um den großen bildungspolitischen Herausforderungen unserer Zeit – Heterogenität, Chancenungleichheit und Inklusion – nicht nur programmatisch, sondern ganz konkret im Schulalltag zu begegnen. Meine Hoffnung ist, dass diese Potenziale von den Akteuren der Bildungspraxis und auch der Bildungspolitik erkannt werden und KI perspektivisch ein integraler Bestandteil von Schule und Unterricht sein wird. Dadurch kann es gelingen, einen stärker lernendenzentrierten Unterricht zu gestalten, welcher systematisch auf die individuellen Voraussetzungen, Bedürfnisse und Potenziale der einzelnen Lernenden eingeht. Entscheidend bleibt dabei stets die didaktisch und pädagogisch reflektierte Einbindung durch professionell agierende Lehrkräfte. Dazu braucht es aber auch ein entsprechendes professionelles Selbstverständnis bei den Lehrkräften: die Bereitschaft, neuen Technologien sowie deren Anwendungsmöglichkeiten im Bildungsbereich offen und innovationsbereit zu begegnen – ohne dabei die gebotene kritische Distanz aufzugeben. Statt die Potenziale von KI zu fürchten, sollten wir sie mutig und verantwortungsvoll nutzen. KI kann Schule nicht automatisch verbessern – aber sie kann ein entscheidender Hebel sein, um bestehende strukturelle Probleme anzugehen und neue Formen des Lernens zu ermöglichen. Gerade für die Kinder, die bereits jetzt in unserem Bildungssystem verloren gehen, könnte ein KI-gestützter, personalisierter Lernbegleiter den entscheidenden Unterschied machen. Diesen Kindern schulden wir es, alle verfügbaren Möglichkeiten auszuschöpfen und Bildung gerechter, wirksamer und zukunftsfähiger zu gestalten.
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Becker-Genschow, Sebastian: KI zur Beendigung der Bildungsmisere: Warum Schulen jetzt auf Chatbots setzen sollten, anstatt sie zu fürchten. In: lernen:digital magazin: Künstliche Intelligenz, 12/2025, Zum Magazin
Deutsche Telekom Stiftung: Schlussbericht KI@Bildung: Lehren und Lernen in der Schule mit Werkzeugen Künstlicher Intelligenz. Bonn/Berlin 2021. Zum Schlussbericht
Huwer, Johannes / Becker-Genschow, Sebastian (et al): Kompetenzen für den Unterricht mit und über Künstliche Intelligenz. Waxmann, 2024.
KMK: Handlungsempfehlungen für die Bildungsverwaltung zum Umgang mit Künstlicher Intelligenz in schulischen Bildungsprozessen. Bonn/Berlin, 2024. Zu den Handlungsempfehlungen
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