Medizin braucht Vielfalt und gleiche Chancen
Wir haben mit Dr. Oana Gröne über Barrieren auf dem Weg ins Medizinstudium, die Rolle von Lehrkräften und neue Ansätze für mehr Chancengerechtigkeit gesprochen.
Frau Dr. Gröne, welche Barrieren erleben Schüler:innen besonders häufig auf dem Weg zum Medizinstudium?
Der Weg zum Medizinstudium ist für viele Schüler:innen mit erheblichen Hürden verbunden – insbesondere für jene aus bildungsfernen oder einkommensschwachen Verhältnissen. Dabei lassen sich drei zentrale Barrieren identifizieren.
Finanzielle Barrieren spielen eine entscheidende Rolle. Das Medizinstudium gehört mit einer Regelstudienzeit von mindestens sechs Jahren zu den längsten Studiengängen überhaupt. Hinzu kommen das Praktische Jahr sowie häufig weitere Qualifikationsphasen. Diese lange Ausbildungszeit bedeutet für viele Familien eine jahrelange finanzielle Belastung: Lebenshaltungskosten, Lernmaterialien und der Verzicht auf ein frühes Erwerbseinkommen summieren sich erheblich. Auch wenn in Deutschland – im Vergleich zu Ländern wie Großbritannien oder den USA – keine oder nur geringe Studiengebühren anfallen, bleibt der finanzielle Druck durch die schiere Länge des Studiums eine reale Barriere, die viele junge Menschen davon abhält, diesen Weg überhaupt in Betracht zu ziehen.
Niedrige Erwartungen von Lehrkräften und mangelnde Unterstützung in der Schule stellen eine oft unterschätzte, aber tiefgreifende Barriere dar. Kinder und Jugendliche sind äußerst sensibel für die Signale, die ihnen ihr schulisches Umfeld sendet. Wenn Lehrkräfte – bewusst oder unbewusst – bestimmten Schüler:innen weniger Potenzial zutrauen, hat das weitreichende Folgen für das Selbstbild und die Bildungsaspirationen dieser jungen Menschen. Das Wort einer Lehrkraft kann über Jahre hinweg nachwirken – im Positiven wie im Negativen. Fehlt eine Kultur der Anerkennung und des Empowerments, so internalisieren viele Schüler:innen die Botschaft, dass bestimmte Berufsfelder „nicht für sie" seien – lange bevor sie überhaupt eine bewusste Entscheidung treffen können.
Fehlende soziale Netzwerke bilden die dritte zentrale Barriere. Der Zugang zu einem Praktikumsplatz in einer Klinik oder Praxis hängt manchmal davon ab, wen man kennt oder wie gut informiert man ist. Wer in einem sozialen Umfeld aufwächst, in dem Ärzt:innen, Akademiker:innen oder gut vernetzte Personen zum Bekanntenkreis gehören, hat schlicht mehr Möglichkeiten: ein Gespräch beim Abendessen kann Türen öffnen, die anderen verschlossen bleiben. Für Schüler:innen ohne diese informellen Netzwerke bedeutet das nicht nur einen erschwerten Zugang zu Informationen, sondern auch zu praktischen Erfahrungen, die im Bewerbungsprozess oder für die Studienentscheidung eine wichtige Rolle spielen.
Dr. Oana Gröne
Dr. Oana Gröne ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin am UKE Hamburg und Projektleiterin des Projekts „Diversität in der Medizin" (DiMe).
Diversität in der MedizinImpressionen aus dem Workshop
Welche Erkenntnisse haben Sie in den bisherigen Workshops überrascht?
Die bisherigen Workshops haben uns sowohl bestätigt als auch überrascht – und beides auf bereichernde Weise.
Am meisten hat uns die Universalität der Barrieren zum Medizinstudium beeindruckt. Was wir in der internationalen wissenschaftlichen Literatur gefunden haben, spiegelt sich unmittelbar in den Erfahrungen der Schüler:innen wider: Die Hürden auf dem Weg zum Medizinstudium sind keine deutschen Besonderheiten, sondern ein strukturelles Phänomen, das internationale Vergleiche standhält – wenngleich mit unterschiedlicher Ausprägung je nach nationalem Kontext.
Besonders deutlich wurde dabei, wie stark das Empowerment durch Lehrkräfte und Berufsberater:innen unterschätzt wird. In unseren Gesprächen mit Schüler:innen zeigte sich immer wieder, wie prägend einzelne Begegnungen mit engagierten Pädagog:innen waren – und wie das Fehlen solcher Begegnungen hinterlässt. Was uns überraschte: Empowerment ist in der pädagogischen Praxis kaum strukturell verankert. Es bleibt weitgehend dem Engagement einzelner Lehrkräfte überlassen – ein individueller Ansatz dort, wo ein systemischer gefragt wäre. Es geht dabei nicht darum, falsche Erwartungen zu wecken, sondern darum, eine Kultur zu etablieren, in der jede:r Schüler:in erfährt, dass seine oder ihre Talente, Stärken und Potenziale gesehen und anerkannt werden und das wäre das Gegenteil von der Fehlerkultur, die im Bildungssystem gerade herrscht. Empowerment und eine Kultur des positiven Feedbacks müssen viel stärker in der Ausbildung von Lehrkräften verankert werden.
Überrascht hat uns auch, wie schnell und intuitiv die Schüler:innen Ungleichheiten im Gesundheitssystem erkannten und benannten. Kaum hatten wir das Thema eröffnet, war das Gespräch lebendig und differenziert. Erfreulich war dabei, dass soziale Gerechtigkeit im Gesundheitswesen inzwischen auch im Fach Politik, Gesellschaft und Wirtschaft (PGW) in der Oberstufe verankert ist – ein wichtiges Signal, dass das Thema gesellschaftlich angekommen ist.
Schließlich hat uns gefreut zu beobachten, dass viele Schüler:innen – auch jene, die gar nicht Medizin studieren möchten – gut informiert aus den Workshops hervorgingen und manche Mythen hinter sich lassen konnten. Vor allem die weit verbreitete Vorstellung, man brauche zwingend einen Notendurchschnitt von 1,0 für den Zugang zum Medizinstudium, konnte relativiert werden. Das allein wirkte für viele sichtlich befreiend.
Empowerment darf nicht vom Engagement Einzelner abhängen. Es muss Teil einer Schulkultur sein, in der alle Schüler:innen in ihren Potenzialen gesehen und bestärkt werden.
Was wird im nächsten Schritt an den Schulen erprobt?
Das Projekt befindet sich in einer spannenden Umsetzungsphase: Wir sind derzeit dabei, die entwickelten Unterrichtseinheiten an allen drei Partnerschulen zu implementieren – und die Rückmeldungen machen enorm viel Freude.
Die Unterrichtseinheiten sind im Rahmen der schulischen Berufsorientierung verortet und umfassen jeweils 90 Minuten. Im Mittelpunkt steht die Auseinandersetzung mit den eigenen Stärken – am konkreten Beispiel des Medizinstudiums. Dieser Ansatz ermöglicht es, Berufsfelder im Gesundheitswesen nahbar zu machen und gleichzeitig das Selbstbild der Schüler:innen zu stärken.
Parallel dazu sind wir aktiv auf Berufsmessen präsent (sowohl regionale als auch lokale, etwa an Schulen), wo Medizinstudierende die im DiMe Projekt arbeiten das Studium niedrigschwellig vorstellen und gemeinsam mit Schüler:innen praktische medizinische Fertigkeiten üben – etwa Blutdruckmessen oder das Anlegen einer einfachen Wunde. Diese handlungsorientierte Begegnung schafft nicht nur Wissen, sondern auch unmittelbare Verbindungen zwischen Schüler:innen und dem Medizinstudium als realer Möglichkeit.
Das Mentoring-Programm befindet sich noch in der Entwicklungsphase: Wir haben derzeit vier Mentees. Wir arbeiten daran, es stärker sichtbar zu machen – unter anderem durch gezielte Vorstellung zu Beginn der Unterrichtseinheiten, damit Schüler:innen frühzeitig von dieser Begleitstruktur erfahren und davon profitieren können.
Im Herbst dieses Jahres werden zwei wichtige Schulungsformate stattfinden: eine Fortbildung zur Diversitätssensibilisierung für Beratungsfachkräfte sowie eine für Lehrkräfte. Wir freuen uns sehr auf diesen interaktiven Austausch – denn die gelebten Erfahrungen aller Beteiligten können diesen Prozess nur bereichern.
Die Umsetzung ist nach wie vor im Gange: Wir haben bereits viel erreicht, haben aber noch ein Jahr vor uns – und freuen uns auf die Möglichkeiten, die sich uns dabei für die Skalierung bieten werden.
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Förderer
Das Projekt „Metavorhaben Migration, Integration und Teilhabe an Bildung" wird im Rahmen des Programms „Integration durch Bildung" durch das Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend und die Europäische Union über den Europäischen Sozialfonds Plus (ESF Plus) gefördert.