Wie Bildungsteilhabe in vielfältigen Stadtteilen gestärkt werden kann
Das Verbundprojekt „Inside Marxloh“ untersucht am Beispiel einer Mädchen-AG in Duisburg-Marxloh, welche Bedingungen die Selbstwirksamkeit und Teilhabe junger Menschen unterstützen. Die wissenschaftliche Begleitung zeigt, welche Rolle dabei die eigene Lebenswelt, geschützte Räume und der Rückhalt in der Gruppe spielen.
Welche Bedingungen fördern Bildungsteilhabe in vielfältigen Stadtteilen?
Diese Frage war Ausgangspunkt unseres Verbundprojektes „Inside Marxloh", das sich wie der Name schon sagt, in dem Stadtteil Duisburg-Marxloh, der im öffentlichen Diskurs monothematisch mit Bezeichnungen wie „Problemviertel“ oder „No-Go-Area“ stigmatisiert wird, verorten lässt. Zur Beantwortung dieser Fragestellung haben wir die raumbezogene, empowernde Bildungsintervention „Mädchen AG Inside Marxloh“ konzipiert und in Kooperation mit einer lokalen Gesamtschule durchgeführt. In diesem Rahmen haben wir gemeinsam mit Schülerinnen mit herausfordernden Migrationsgeschichte aus den Jahrgangsstufen acht und neun eine alternative Stadtteilführung auf Basis der Perspektiven und Erfahrungen der Mädchen entwickelt und mit der interessierten Öffentlichkeit durchgeführt. Und das Ganze mit großem Erfolg: von anfänglicher Zurückhaltung und Vermeidung hin zu aktivem Mitgestalten, von Unsicherheit hin zu Stolz auf das gemeinsam Erreichte.
Woran liegt das? Um entsprechende Gelingensbedingungen zu identifizieren, wurde die Projektarbeit wissenschaftlich begleitet.
Die empirische Forschung zeigte dabei zunächst, dass sich die mediale Stigmatisierung auch auf die Mädchen auszuwirken schien. Diese sind sich der negativen Fremdbilder, die insbesondere durch die Medien verbreitet werden, durchaus bewusst. So bewusst, dass sie diese in Teilen sogar auf ihr eigenen Selbstbild übertragen. Bei genauerem Hinsehen zeigte sich aber, dass diese Verhaltensweise, die Reproduktion der dominanten Stereotype, nur ein übereilter Schutzmechanismus zu sein scheint, um sich der Öffentlichkeit entziehen zu können. Durch den engen Kontakt zu den Mädchen im Rahmen der AG-Arbeit wurde deutlich, dass die Mädchen ihren Stadtteil nämlich eigentlich differenziert und emotional geprägt wahrnehmen und damit den Fremdbildern widersprechen. Diese Erkenntnisse verdeutlichen, dass Fremd- und Selbstbild in enger Wechselwirkung miteinander stehen. Nur wer die Perspektiven der Betroffenen ernst nimmt und sichtbar macht, kann Stigmatisierung Etwas entgegensetzen und das Selbstverständnis der Betroffenen stärken.
Dieser Befund wurde im Rahmen der AG als Ausgangspunkt für die Bildungsarbeit genutzt. Auch hier noch einmal der Hinweis: mit großem Erfolg. Sowohl im ersten als auch im zweiten Durchführungsjahr der AG konnte eine enorme Entwicklung bei den Mädchen beobachtet und durch das Konstrukt der Selbstwirksamkeit auch nach wissenschaftlichen Standards erfasst werden. Dabei lassen sich insbesondere drei Ergebnisse herausstellen:
Die Grundlage für die positiven Entwicklungen auf Seiten der Mädchen und die als empirische Ergebnisse dargelegten identifizierten Gelingensbedingungen lassen sich dabei vordergründig auf die konkrete Ausgestaltung der Projektarbeit zurückführen. Dabei kooperierten mit wissenschaftlicher Forschung, schulischer Bildung und stadtteilbezogener Sozialarbeit drei Bereiche, die in der Praxis ansonsten selten zusammenkommen. Diese transdisziplinäre Zusammenarbeit hat dabei so gut funktioniert, weil allen Beteiligten klar war, dass nicht sie, sondern stets die Mädchen mit ihren Perspektiven und ihren Erfahrungen im Mittelpunkt der AG stehen. “Inside Marxloh“ zeigt damit, dass in den Mädchen, die ansonsten strukturell unterrepräsentiert bleiben, kein Defizit steckt, sondern ganz im Gegenteil ein ungenutztes Potenzial für Stadtgesellschaft und Demokratie. Zwei Beispiele sollen im Folgenden illustrieren, wie diese Zusammenarbeit konkret aussah.
Zu Beginn eines jeden AG-Durchgangs machen die Mädchen ihre eigenen Perspektiven auf Marxloh sichtbar. Nicht durch einfaches Erzählen oder Aufschreiben, sondern durch Methoden wie Fotostreifzüge (Photovoice) oder emotionalen Karten (Mental Maps), die alternative Ausdrucksweisen ermöglichen. Auf dieser Basis wird dann das erste Mal über eine mögliche Route der Stadtteilführung gesprochen. Diese Vorgehensweise nimmt den Druck raus und macht deutlich, dass das die Perspektiven und die Erfahrungen der Mädchen, die eben weit mehr als das reine Wissen umfassen, stets zuerst zählen.
Ist die Stadtteilführung fertig entwickelt, wurde sie in beiden durchgeführten AG-Zyklen allerdings nicht direkt mit der interessierten Öffentlichkeit durchgeführt, sondern zunächst in einem geschützten Rahmen mit Studierenden der Universität Münster erprobt. Diese Zwischenstufe hat sich in den beiden bereits abgeschlossenen Durchführungsphasen als entscheidend erwiesen, um aus Unsicherheit Routine werden zu lassen. Das Feedback und die Übung in eben diesem Schonraum hat den Mädchen Motivation und Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten für die Durchführung der Stadtteilführung mit der zunächst doch sehr einschüchternd wirkenden Öffentlichkeit geschenkt.
Das Projekt zeigt eindrücklich, dass Bildungsteilhabe in vielfältigen Stadtteilen nicht nur durch eine einzelne Maßnahme gelingt, sondern aus dem Zusammenspiel wertschätzender Anerkennung, geschützter Räume und verlässlicher Kooperationen entsteht.
Wie erleben Jugendliche ihren Stadtteil?
Lernen Sie Duisburg-Marxloh aus der Perspektive von Schülerinnen der Herbert-Grillo-Gesamtschule kennen. Bei den alternativen Stadtteilführungen erzählen die Schülerinnen persönliche Geschichten und zeigen Orte, die für sie und ihren Alltag in Marxloh eine besondere Bedeutung haben.
Impressionen aus der Mädchen AG "Inside Marxloh"
Förderer
Das Projekt „Metavorhaben Migration, Integration und Teilhabe an Bildung" wird im Rahmen des Programms „Integration durch Bildung" durch das Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend und die Europäische Union über den Europäischen Sozialfonds Plus (ESF Plus) gefördert.