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»Ich kann kein Mathe«: Wie Kinder aus negativen Selbstbildern herausfinden

Im Gespräch mit Prof. Dr. Fabian Wolff

Laimdota Karpinska/unsplash

Zum Thema

Schulische Selbstbilder verändern und Vertrauen ins eigene Lernen stärken

»Mein Gehirn ist nicht für Mathe gemacht«, »Ich bin eben eher der Sprachentyp«: Solche Sätze fallen im Schulalltag häufig, und sie wirken oft stärker, als es auf den ersten Blick scheint. Denn die Überzeugungen, die Schülerinnen und Schüler über ihre eigenen Fähigkeiten entwickeln, beeinflussen ihre Motivation, ihre Anstrengungsbereitschaft, ihr Lernverhalten und damit nicht zuletzt auch ihre Bildungsentscheidungen.

In der Pädagogischen Psychologie spricht man hier von akademischen Selbstkonzepten: also davon, wie Lernende ihre eigenen Fähigkeiten in bestimmten Fächern oder Lernbereichen einschätzen. Diese Selbstbilder entstehen nicht allein durch Noten oder tatsächliche Leistungen. Eine wichtige Rolle spielen auch Vergleiche – mit Mitschülerinnen und Mitschülern, mit den eigenen Leistungen in anderen Fächern oder mit früheren Erfahrungen.

Die gute Nachricht: Schulische Selbstbilder sind nicht festgeschrieben. Lehrkräfte können im Unterricht dazu beitragen, dass Schülerinnen und Schüler ihre Annahmen über eigene Stärken und Schwächen hinterfragen und sich neue Lern- und Entwicklungsmöglichkeiten zutrauen. Prof. Dr. Fabian Wolff erklärt, wie solche Selbstbilder entstehen, warum sie für Schülerinnen und Schüler bedeutsam sind und welche konkreten Impulse Lehrkräfte nutzen können, um Lernende in ihrer Entwicklung zu unterstützen.

Halblörper-Portraitfoto von Prof. Dr. Fabian Wolff

Prof. Dr. Fabian Wolff

Halblörper-Portraitfoto von Prof. Dr. Fabian Wolff

Prof. Dr. Fabian Wolff

Prof. Dr. Fabian Wolff ist Psychologe und Bildungswissenschaftler. Seit 2024 ist er Professor für Pädagogische Psychologie unter besonderer Berücksichtigung von Heterogenität und Inklusion an der Universität Bielefeld. Dort leitet er die Emmy-Noether-Nachwuchsgruppe COMPASS (»Comparison Processes in Students’ Academic Self-Concept Formation«). Zuvor war er Juniorprofessor für Pädagogische Psychologie und Empirische Forschungsmethoden an der Universität Koblenz.
In seiner Forschung beschäftigt sich Fabian Wolff unter anderem mit der Entstehung und Veränderung akademischer Selbstkonzepte, mit Vergleichsprozessen im schulischen Lernen, mit überfachlichen Kompetenzen sowie mit digitalen Lehr- und Lernumgebungen. Ein Schwerpunkt seiner Arbeit liegt auf der Frage, wie Schülerinnen und Schüler zu ihren Fähigkeitsselbsteinschätzungen gelangen und wie Schule dazu beitragen kann, positive Fähigkeitsselbsteinschätzungen zu fördern.

Schulische Selbstbilder verändern – im Gespräch mit Prof. Dr. Fabian Wolff

Herr Professor Wolff, viele Kinder und Jugendliche entwickeln in der Schule feste Vorstellungen davon, was sie können und was angeblich »nichts für sie« ist. Führen Sie uns kurz ein: Was versteht die Pädagogische Psychologie unter solchen Selbstbildern und warum sind sie für das Lernen so bedeutsam?

In der Pädagogischen Psychologie sprechen wir von akademischen Selbstkonzepten. Gemeint sind die Überzeugungen, die Schülerinnen und Schüler über ihre eigenen Fähigkeiten in einzelnen Fächern entwickeln – etwa »Ich kann Mathe« oder »Deutsch liegt mir nicht«. Diese Selbstbilder sind relativ stabil und wirken wie ein Filter für neue Erfahrungen, indem etwa Leistungsrückmeldungen im Licht des bestehenden Selbstkonzepts gedeutet werden. Darüber hinaus beeinflussen akademische Selbstkonzepte, wie viel Anstrengung Lernende investieren, wie ausdauernd sie bei Schwierigkeiten bleiben und welche Ziele sie sich zutrauen. Wichtig ist, dass sich Selbstkonzept und Leistung wechselseitig verstärken. Wer sich etwas zutraut, beteiligt sich aktiver, übt mehr, erzielt häufiger Erfolge – und stärkt dadurch wiederum das eigene Selbstkonzept. Deshalb sind akademische Selbstkonzepte ein zentraler Hebel für Motivation, Leistung und Lernentwicklung.

 

Wie entstehen solche Selbstbilder? Welche Rolle spielen Noten, Rückmeldungen und Vergleiche?

Akademische Selbstkonzepte entstehen vor allem durch die Interpretation von Leistungserfahrungen – und Noten spielen dabei eine zentrale Rolle. Sie sind im Schulalltag die sichtbarste Form von Leistungsrückmeldung und liefern einen starken Anlass für Vergleiche. Schülerinnen und Schüler vergleichen ihre Noten mit denen ihrer Mitschülerinnen und Mitschüler (soziale Vergleiche), mit ihren Noten in anderen Fächern (dimensionale Vergleiche) und mit früheren Noten (temporale Vergleiche). Fallen diese Vergleiche günstig aus, stärkt das meist das Selbstkonzept – besonders stark wirken soziale Vergleiche.

Neben Noten spielen aber auch verbale Rückmeldungen eine zentrale Rolle. Wenn Lehrkräfte und Eltern ihren Kindern bzw. Schülerinnen und Schülern hohe Leistungen zutrauen, Potenziale benennen und Fortschritte hervorheben, kann dies die akademischen Selbstkonzepte der Kinder und Jugendlichen nachhaltig fördern. Entscheidend ist also nicht nur die Leistung selbst, sondern auch, wie sie eingeordnet und kommuniziert wird.

Viele Schülerinnen und Schüler beschreiben sich früh als »Mathetyp« oder »Sprachentyp«. Was ist daran aus wissenschaftlicher Sicht problematisch?

Solche Typ-Zuschreibungen sind problematisch, weil sie Unterschiede zwischen Fächern häufig überzeichnen. Tatsächlich unterscheiden sich Leistungen in Mathematik und Sprachen oft weniger stark als Schülerinnen und Schüler annehmen. Durch dimensionale Vergleiche – also Vergleiche eigener Leistungen zwischen Fächern – werden kleine Unterschiede schnell überakzentuiert. Dies kann dazu führen, dass sich Kinder und Jugendliche in einem Fach wenig zutrauen, obwohl ihre Leistungen objektiv mindestens durchschnittlich sind. 

Hinzu kommt: Wer sich als »Mathetyp« oder »Sprachentyp« versteht, geht häufig davon aus, dass sich mathematische und verbale Begabungen ausschlössen oder angeboren und kaum veränderbar seien. Beides widerspricht jedoch dem Forschungsstand. Vielmehr können solche Überzeugungen Lernchancen unnötig einschränken.

In Ihrer COMPASS-Studie untersuchen Sie, wie sich schulische Selbstbilder verändern lassen. Was waren die wichtigsten Ergebnisse?

In unserer Studie haben wir untersucht, ob sich fachspezifische Selbstkonzepte durch eine 90-minütige Intervention fördern lassen. Diese Intervention thematisierte Vergleichsprozesse; einschließlich der beiden Fehlannahmen, dass sich hohe mathematische und verbale Fähigkeiten ausschlössen und dass Fähigkeiten kaum veränderbar seien. Methodisch kombinierte die Intervention wissenschaftlich fundierte Inputs mit angeleiteten Reflexionsübungen und Diskussionen.

An der Studie nahmen 600 Jugendliche zwischen Klasse 9 und 11 teil. Dabei zeigten sich infolge der Teilnahme an der Intervention signifikante Anstiege im Mathe- und Englisch-Selbstkonzept, die größtenteils noch bis zu sechs Monate später nachweisbar waren. Besonders stark fielen die Effekte im Fach Mathematik aus. Unsere Studie zeigt somit: Akademische Selbstkonzepte sind veränderbar. Wenn Schülerinnen und Schüler eigene Annahmen über Fähigkeiten reflektieren, lassen sich nachhaltige Veränderungen in ihren Selbstkonzepten anstoßen.

Handlungsmöglichkeiten

Statt Zuschreibungen wie »Naturtalent« oder »hoffnungsloser Fall« sollten Lehrkräfte Anstrengung, Ausdauer und eingesetzte Lernstrategien in den Mittelpunkt stellen.

Prof. Dr. Fabian Wolff

Wenn Selbstbilder stark durch Vergleiche geprägt werden: Welche Handlungsmöglichkeiten haben Lehrkräfte im Unterricht?

Vergleiche sind im Schulalltag unvermeidbar – aber sie lassen sich pädagogisch gestalten. Soziale Vergleiche zwischen Schülerinnen und Schülern müssen nicht zusätzlich betont werden. Sinnvoll ist vielmehr eine stärkere Orientierung an kriterialen Bezugsnormen, also an transparenten Lernzielen und klaren Kompetenzanforderungen. Zudem ist es wichtig, individuelle Lernfortschritte sichtbar zu machen und damit temporale Vergleiche konstruktiv zu nutzen: »Was kannst du heute besser als noch vor einigen Wochen?«

Darüber hinaus können Lehrkräfte verbreitete Fehlannahmen aktiv aufgreifen – etwa die Vorstellung, dass sich hohe fachspezifische Begabungen ausschlössen oder unveränderlich seien. Wenn Schule deutlich macht, dass Fähigkeiten entwickelbar sind und Fortschritt zählt, verändert das auch die Art und Weise, wie Schülerinnen und Schüler ihre eigenen Leistungen einordnen.

Haben Sie ein, zwei konkrete Tipps, was Lehrkräfte im Alltag tun können, um Schülerinnen und Schüler darin zu unterstützen, festgefügte Selbstbilder zu hinterfragen?

Ein erster, sehr konkreter Ansatz ist das konsequente Etablieren des Wortes »noch«. Wenn Schülerinnen und Schüler sagen »Ich kann das nicht«, lohnt sich die behutsame Korrektur: »Du kannst das noch nicht.« Dieses kleine Wort signalisiert Entwicklungsmöglichkeiten und vermittelt die Erwartung, dass Kompetenzen aufgebaut werden können. 

Ein zweiter Ansatz ist der Wechsel von Eigenschafts- zu Prozessrückmeldungen. Statt Zuschreibungen wie »Naturtalent« oder »hoffnungsloser Fall« sollten Lehrkräfte Anstrengung, Ausdauer und eingesetzte Lernstrategien in den Mittelpunkt stellen. So lernen Schülerinnen und Schüler, Fähigkeiten nicht als festes Merkmal zu verstehen, sondern als Ergebnis von Übung, Strategien und Unterstützung.

Was raten Sie Lehrkräften, die ihre eigenen Erwartungen und Zuschreibungen reflektieren möchten?

Erwartungen von Lehrkräften wirken – oft unbewusst. Deshalb lohnt es sich, eigene Erwartungen und damit verbundenes Handeln regelmäßig zu reflektieren: Wem traue ich besonders viel zu? Wem gebe ich anspruchsvollere Aufgaben, wem mehr Hilfestellung – und warum? Solche Fragen helfen, implizite Zuschreibungen sichtbar zu machen. 

Hilfreich sind auch kollegialer Austausch und Hospitationen, um blinde Flecken zu erkennen. Zudem sollten Leistungsurteile möglichst kriterienbasiert und transparent begründet werden. 

Wichtig ist dabei: Hohe Erwartungen sind grundsätzlich förderlich – vorausgesetzt, sie sind realistisch und gehen mit konkreter Unterstützung einher. Die zentrale Botschaft sollte für alle Schülerinnen und Schüler spürbar sein: »Ich traue dir das zu – und ich unterstütze dich auf dem Weg dorthin.«

Selbstkonzepte entstehen nicht allein aus Leistung, sondern vor allem aus deren Interpretation.

Prof. Dr. Fabian Wolff

Wenn Sie Lehrkräften einen zentralen Gedanken mitgeben könnten: Welcher wäre das?

Selbstkonzepte entstehen nicht allein aus Leistung, sondern vor allem aus deren Interpretation. Schule prägt diese Interpretationen jeden Tag – durch Noten, Erwartungen und weitere Rückmeldungen. Wenn wir Fähigkeiten als entwickelbar thematisieren, individuelle Lernfortschritte sichtbar machen und vorschnelle Typ-Zuschreibungen hinterfragen, erweitern wir die Handlungsspielräume von Schülerinnen und Schülern. 

Der zentrale Gedanke lautet daher: Lehrkräfte bewerten nicht nur Leistungen – sie gestalten auch Überzeugungen über Leistung. Wer diese Überzeugungen bewusst mit in den Blick nimmt, schafft bessere Voraussetzungen für Motivation, Ausdauer und Lernerfolg.

Impulse für die Praxis

Schulische Selbstbilder entstehen nicht über Nacht. Und sie verändern sich auch nicht durch einen einzigen motivierenden Satz. Lehrkräfte können aber regelmäßig kleine Anlässe schaffen, damit Schülerinnen und Schüler ihre eigenen Annahmen über Fähigkeiten reflektieren.


  1. Selbstzuschreibungen hörbar machen
  2. Vergleiche bewusst thematisieren
  3. Lernstrategien übertragen

1. Selbstzuschreibungen hörbar machen

Wenn Lernende sagen »Ich kann das einfach nicht«, lohnt sich ein kurzes Nachfragen:

»Woran machst du das fest?«, »Gab es schon Situationen, in denen es besser geklappt hat, und welche Strategie hast du damals genutzt?«

So wird aus einer festen Zuschreibung ein Gespräch über Erfahrungen, Strategien und nächste Schritte.


2. Vergleiche bewusst thematisieren

Schülerinnen und Schüler vergleichen sich ständig: mit anderen, mit eigenen Leistungen in anderen Fächern oder mit früheren Ergebnissen. Lehrkräfte können diese Vergleiche sichtbar machen und einordnen: 

»Dass dir Englisch im Moment leichter fällt als Mathe, heißt nicht, dass du in Mathe nicht dazulernen kannst.« 


3. Lernstrategien übertragen

Ein wichtiger Impuls besteht darin, Schülerinnen und Schüler zu fragen, was sie aus einem Fach auf ein anderes übertragen können: 

»Wie gehst du beim Vokabeln lernen vor? Welche dieser Strategien könnte dir auch beim Formeln lernen in Mathe helfen?«

So werden Stärken nicht als feste Eigenschaften verstanden, sondern als Ressourcen für neue Lernbereiche.

Zum Projekt

COMPASS – 

»Comparison Processes in Students’ Academic Self-Concept Formation«.*


Im COMPASS-Projekt an der Universität Bielefeld untersuchte Fabian Wolff gemeinsam mit Hella Hörsch und Jennifer Schumacher, wie sich akademische Selbstkonzepte von Schülerinnen und Schülern gezielt stärken lassen. Die Forschenden entwickelten eine kurze Intervention für die Klassen 9 bis 11, in der Jugendliche reflektierten, welche Rolle Vergleiche für die Einschätzung eigener Fähigkeiten spielen.

Im Mittelpunkt standen drei Kernbotschaften: 

  1. Mathematische und sprachliche Fähigkeiten schließen sich nicht aus.
  2. Fähigkeiten sind entwickelbar.
  3. Lernstrategien aus einem Fach lassen sich häufig auf ein anderes Fach übertragen.

An der Längsschnittstudie nahmen 600 Schülerinnen und Schüler aus zehn Schulen teil. Die Ergebnisse zeigen: Schulische Selbstbilder sind veränderbar. Schon eine kurze, 90-minütige Unterrichtseinheit kann Schülerinnen und Schüler dabei unterstützen, eigene Fehlannahmen über Fähigkeiten zu korrigieren und Selbstkonzepte nachhaltig zu fördern.

 

Originalveröffentlichung:

Hella Hörsch, Jennifer Schumacher, Fabian Wolff: Long-Term Effects of an Intervention Targeting Dimensional and Temporal Comparisons on Students’ Math and English Academic Self-Concepts: A Waiting-List Replication and Extension Study. Educational Psychology Review, 38:70, erschienen am 9. Mai 2026.

 


*  übersetzt: »Vergleichsprozesse bei der Ausbildung akademischer Selbstkonzepte«

Grafische Zusammenfassung der COMPASS Studie. 
Überschrift links: "Studienkontext:"
Klassen 9-11, 600 Schülerinnen und Schüler, 10 Schulen, 90 Minuten, Längsschnittstudie.
Überschrift Mitte: "Kurz.Gezielt.Wirksam. Eine kurze Intervention unterstützt das schulische Selbstkonzept":
1. Vergleiche Reflektieren
2. Strategie anwenden
3. Selbstkonzept stärken
90 Minute - einmalige, kurze Unterrichtseinheit, nachhaltige Wirkung über die Zeit
Ergebnis:
1. Mathematische und sprachliche Fähigkeiten schließen sich nicht aus
2. Fähigkeiten sind entwickelbar
3. Lernstrategeie lassen sich von einem Fach auf ein anderes übertragen

Fazit: Schulische Selbstbilder sind veränderbar. Schon eine kurze Unterrichtseinheit kann Fehlannahmen über Fähigkeiten korrigieren und Selbstkonzepte stärken.
Grafik KI generiert

Zum Weiterlesen

Berentzen, Maria : Bielefelder Studie: Selbstbild in der Schule ist veränderbar. Universität Bielefeld, 2026. Zum Artikel.

Bielang, Ann-Kathrin: Mathe oder Sprache? Was das Selbstbild von Schülerinnen und Schülern prägt und warum es oft trügt. In: Evido. Das aim-Magazin für Schulmanagement, 2026 (im Druck)

Möller, Jens & Wild, Elke  Selbstkonzept. In: Elke Wild & Jens Möller (Hrsg.): Pädagogische Psychologie (S. 187–209). Springer, 2020.

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