Zum Hauptinhalt der Seite springen

4K in der Schule: Kreativität, Kommunikation, kritisches Denken und Kollaboration fördern

Im Gespräch mit Nikola Poitzmann und Martina Sobel

bunt angemalte Eisstiele aus Holz

4K im Unterricht umsetzen

Die 4K (Kreativität, Kommunikation, kritisches Denken und Kollaboration) zählen zu den Kompetenzen, die für Lernen in einer sich wandelnden Welt als besonders wichtig gelten. Im Unterricht werden sie vor allem durch Lerngelegenheiten gefördert, in denen Schülerinnen und Schüler gemeinsam arbeiten, Probleme durchdenken, Ideen entwickeln und ihre Ergebnisse reflektieren. Dabei geht es jedoch nicht nur um neue Aufgabenformate. Das 4K-Modell ist mit einem erweiterten Verständnis von Lernen verbunden: Schülerinnen und Schüler sollen schrittweise lernen, ihren Lernprozess selbstständiger zu gestalten. Für Schulen bedeutet das, Unterricht weiterzuentwickeln, Rollen zu überdenken, übergreifende Zusammenarbeit zu stärken und Raum für Erprobung, Reflexion und Partizipation zu schaffen. Nikola Poitzmann und Martina Sobel, Autorinnen von »Upgrade: 21st Century Skills. Das 4K-Modell des Lernens in der Praxis«, zeigen, wie das im Unterricht gelingen kann.

Nikola Poitzmann mit Mikrofon in der Hand, an einem Rednerpult der didacta Bildungsmesse.

Nikola Poitzmann

Nikola Poitzmann mit Mikrofon in der Hand, an einem Rednerpult der didacta Bildungsmesse.

Nikola Poitzmann

Nikola Poitzmann arbeitet als Schulentwicklungsberaterin, Trainerin und Organisationsentwicklerin mit einem Schwerpunkt auf demokratischer Schulentwicklung und zeitgemäßen Lernkulturen. Sie begleitet Schulen und Bildungseinrichtungen dabei, Lern- und Arbeitsprozesse neu zu denken – mit besonderem Fokus auf Partizipation, Beziehungsgestaltung und die Förderung von Zukunftskompetenzen.
In ihrer Arbeit verbindet sie praktische Erfahrung aus Schule und Fortbildung mit aktuellen Ansätzen aus der Organisationsentwicklung. Dabei geht es ihr vor allem darum, Schule als gemeinsamen Gestaltungsraum zu begreifen, in dem Schüler:innen, Lehrkräfte und Schulleitungen Verantwortung teilen und Demokratie im Alltag erfahrbar wird.

Nikola Poitzmann ist als Referentin, Moderatorin und Autorin tätig und veröffentlicht regelmäßig zu Themen wie Demokratiebildung, Diversität und Schulentwicklung.

Portraitfoto von Dr. Martina Sobel

Dr. Martina Sobel

Portraitfoto von Dr. Martina Sobel
© Nina Paul

Dr. Martina Sobel

Dr. Martina Sobel arbeitet als Pädagogisch-Didaktische Koordinatorin an einem Darmstädter Berufsschul-zentrum sowie als Lernbegleiterin für Moderne Fremdsprachen in unterschiedlichen Schulformen.
Ihre Tätigkeitsschwerpunkte liegen in den Bereichen Schul- und Unterrichtsentwicklung mit Blick auf die Entwicklung zeitgemäßer Lernsettings und entsprechender fachdidaktischer Konzepte. Sie gestaltet dazu Keynotes und Fortbildungen für Lehrkräfte, publiziert dazu bei unterschiedlichen Verlagen und unterhält eine eigene Webseite.

Zur Website "Sprachdidaktik Sobel"

Sechs Fragen an Nikola Poitzmann und Martina Sobel

Frau Poitzmann, Frau Sobel: Über die sogenannten „4K“ – Kreativität, kritisches Denken, Kommunikation und Kollaboration – wird seit einigen Jahren intensiv diskutiert. Wie gut sind die 4K inzwischen in Schule und Unterricht angekommen?

Nikola Poitzmann: Die 4K sind in vielen Schulen theoretisch angekommen, aber die Praxis hinkt oft hinterher. Während einige Pionierschulen wie die Agora-Schule in Roermond oder die Freie Comenius Schule Darmstadt die 4K konsequent leben, bleibt es anderswo bei Einzelprojekten. Der größte Hebel? Schulentwicklung als Teamaufgabe begreifen – nicht nur Lehrkräfte, sondern auch Schulleitung, Eltern und Schüler:innen müssen mitziehen. Ohne strukturelle Freiräume, wie flexible Stundenpläne oder Lerncoaches statt Frontalunterricht, bleiben die 4K oft nur ein Lippenbekenntnis.

Martina Sobel: Bei uns an der Berufsschule gibt’s erste Ansätze, zum Beispiel Projektunterricht in der Berufsschule IT. Aber im Alltag dominiert leider meist noch der klassische Unterricht. Die größte Hürde? Eng gestrickte Curricula, extern determinierte Prüfungsformate und Bewertungsdruck! Zusätzlich ist der Blick oftmals noch zu sehr auf das Produkt gerichtet, nicht auf den Lernprozess an sich. Mein Wunsch: Mehr Mut zur Lücke. Auch mal scheitern dürfen, um daraus zu lernen. Vielleicht brauchen wir erst eine Kultur des Ausprobierens, bevor die 4K flächendeckend ankommen.

Können Sie kurz zusammenfassen, was die 4K im Kontext von Lernen konkret bedeuten?

Nikola Poitzmann: Die 4K sind kein Lehrplan, sondern eine Haltung. Kreativität heißt: Probleme anders angehen, nicht nur reproduzieren. Kritisches Denken: Selbst urteilen, nicht nur nachplappern. Kommunikation: Verständlich teilen, nicht nur vortragen. Kollaboration: Gemeinsam gestalten, nicht nur nebeneinander sitzen. Kurz: Lernen als aktiver Prozess, bei dem Schüler:innen denken, handeln und reflektieren – nicht nur konsumieren. Das Ziel? Mündige Menschen, die in einer komplexen Welt klarkommen.

Welche Veränderungen ergeben sich, wenn Schulen die 4K konsequent umsetzen – im Unterricht, bei Lehrkräften und Schüler:innen?

Martina Sobel: Wenn Schulen die 4K ernst nehmen, dreht sich alles um Verantwortung und Vertrauen. Im Unterricht? Weniger Frontalunterricht, mehr Lernlabore: Schüler:innen arbeiten an echten Problemen, nicht an Arbeitsblättern. Lehrkräfte? Sie werden zu Lernbegleiter:innen, die Prozesse moderieren, statt Wissen zu verwalten. Und die Schüler:innen? Sie lernen selbstständig zu denken, zu handeln und zu reflektieren – nicht nur für die nächste Klausur, sondern fürs Leben. Das größte Geschenk? Eine Schule, die Fehler erlaubt, Neugier belohnt und Vielfalt als Chance begreift.

In Ihrem Buch „Upgrade: 21st Century Skills“ schreiben Sie, dass 4K-Orientierung auch hochbegabten Schüler:innen zugutekommt. Worin liegt der besondere Mehrwert?

Martina Sobel: Für hochbegabte Schüler:innen sind die 4K wie Sauerstoff – sie brauchen sie, um nicht zu ersticken im Standard-Unterricht! Diese Kids denken oft vernetzt, schnell und unkonventionell. Die 4K geben ihnen endlich Raum, um ihr Tempo selbst zu bestimmen, tiefe Fragen zu stellen (kritisches Denken), kreative Lösungen zu entwickeln (Kreativität), und mit Gleichgesinnten zu kollaborieren – statt sich langweilen oder unterfordert zu fühlen. Besonders wichtig: Sie lernen, ihre Begabung nicht als Last, sondern als Werkzeug zu nutzen – zum Beispiel in Projekten, wo sie andere mitreißen können (Kommunikation & Kollaboration).

Was sollten Schulleitungen und Kollegien wissen, damit 4K in der Praxis nicht bei Einzelprojekten bleibt?

Nikola Poitzmann: Schulleitungen und Kollegien müssen verstehen: Die 4K sind kein Add-on, sondern ein Kulturwandel. Drei Dinge sind entscheidend:

Strukturen schaffen: zum Beispiel Zeitfenster für Projekte, flexible Räume, und Lerncoaches statt Einzelkämpfer:innen.

Gemeinsam lernen: Fortbildungen im Team, nicht nur für Einzelne. Modellschulen besuchen, Erfahrungen teilen, Scheitern erlauben.

Eltern und Schüler:innen mitnehmen: Transparenz schaffen (»Warum machen wir das?«)  Erfolge zeigen, zum Beispiel durch Portfolios oder Präsentationen, die zeigen, »Hier wachsen Kompetenzen, keine Noten!«

Aber Achtung: Ohne langfristige Strategie und Rückenwind von oben bleiben die 4K ein Wellness-Programm für Engagierte.

Zum Schluss ganz konkret:


Welche drei ersten Schritte empfehlen Sie Schulen bzw. Kollegien, die jetzt starten wollen?

Martina Sobel: Drei konkrete erste Schritte, die einfach umsetzbar, aber wirkungsvoll sind, könnten sein:

  • Erstens: »4K-Schnupperstunde« einführen: Jede Lehrkraft probiert eine Stunde pro Monat eine 4K-Methode aus, zum Beispiel eine offene Frage statt Arbeitsblatt, ein Peer-Feedback oder eine kreative Präsentation. Danach kurze Reflexion im Kollegium: Was hat funktioniert? Was war nervig?
     
  • Zweitens: Ein»4K-Pilotprojekt« starten. Eine Klasse oder ein Fachbereich testet ein Quartal lang ein Format wie Design Thinking oder Lernbüro. Sie dokumentiert es, zum Beispiel mit Fotos oder einem Blog, und präsentiert die Ergebnisse der ganzen Schule.
     
  • Drittens: Räume und Zeiten umdenken. Ein Raum wird zum »Lernlabor« (mit flexiblen Möbeln, Whiteboards, Materialien), und eine Stunde pro Woche wird für Projektarbeit oder Reflexion reserviert. Ja, das geht – auch ohne große Umbauten!

 

Wichtig: Nicht perfektionieren, sondern anfangen! Die 4K leben vom Ausprobieren – nicht von perfekten Konzepten.

Die 4K im Fachunterricht – Beispiele

Praxisbeispiel Kreativität: 
Mathematik gestalten

Eine klassische Mathematikaufgabe fragt oft nur nach der richtigen Lösung. Kreativer wird Lernen, wenn Schüler:innen selbst tätig werden. Statt lediglich das Volumen einer Pyramide zu berechnen, bauen sie beispielsweise eigene Modelle aus unterschiedlichen Materialien wie Papier, Holzstäbchen oder Karton. Den Bauprozess dokumentieren sie fotografisch, vermessen anschließend ihre Modelle und berechnen das Volumen. Die Ergebnisse werden auf Postern festgehalten und in einer kleinen Ausstellung präsentiert. So verbinden sich mathematische Inhalte mit gestalterischem Arbeiten. Mathematik wird nicht nur gerechnet, sondern erlebt – und kreative Lösungswege werden ebenso sichtbar wie korrekte Ergebnisse.

Praxisbeispiel Kritisches Denken:
Geschichte aus Perspektiven betrachten

Historisches Lernen gewinnt an Tiefe, wenn Schüler:innen Ereignisse aus unterschiedlichen Blickwinkeln analysieren. Im Geschichtsunterricht können sie beispielsweise eine politische Beratung rund um Napoleon I. als Rollenspiel inszenieren. In Kleingruppen übernehmen sie unterschiedliche Rollen – etwa Unterstützer:innen, Kritiker:innen oder politische Beobachter:innen – und diskutieren Strategien, Interessen und mögliche Folgen von Entscheidungen. Anschließend präsentieren die Gruppen ihre Positionen und geben sich gegenseitig Feedback. So entsteht ein Lernprozess, der über reines Faktenwissen hinausgeht: Schüler:innen lernen, Argumente zu prüfen, Perspektiven zu wechseln und historische Entwicklungen kritisch zu reflektieren.

Praxisbeispiel Kollaboration:
Zukunftsthemen gemeinsam erforschen

Im Englischunterricht recherchieren Schüler:innen in kleinen Teams zu Initiativen, die sich mit sozialen, ökologischen oder politischen Zukunftsfragen beschäftigen. Zunächst diskutieren sie gemeinsam, welche Themen ihnen persönlich wichtig erscheinen – etwa Klimaschutz, soziale Gerechtigkeit oder nachhaltige Technologien. Anschließend recherchieren sie passende Projekte, bereiten ihre Ergebnisse auf digitalen Folien auf und präsentieren sie der Klasse. Jedes Gruppenmitglied übernimmt einen Teil der Präsentation und erläutert die eigene Perspektive. Der Lernprozess entsteht dabei nicht allein durch Recherche, sondern vor allem durch Zusammenarbeit, Austausch und gemeinsame Entscheidungsprozesse.

Praxisbeispiel Kommunikation:
Natur gemeinsam erkunden

Kommunikation lässt sich auch im Sachunterricht gezielt fördern. Schüler:innen untersuchen Pflanzen auf dem Schulhof oder im Schulgarten, fotografieren oder zeichnen sie und recherchieren anschließend deren Eigenschaften. In kleinen Gruppen tauschen sie ihre Beobachtungen aus, vergleichen Ergebnisse und entwickeln Quizfragen zu ihren Pflanzen. Diese werden später im Klassenquiz gespielt und gemeinsam ausgewertet. Der Fokus liegt dabei nicht nur auf dem Fachwissen, sondern auf dem Dialog: Die Schüler:innen lernen zuzuhören, Beobachtungen zu teilen und gemeinsam zu reflektieren, was sie entdeckt haben.

Aus der Praxis

4K im Alltag einer demokratischen Schule

Wie die 4K konkret im Schulalltag verankert werden können, zeigt die Freie Comenius Schule in Darmstadt. Dort lernen Kinder und Jugendliche vom 1. bis zum 10. Jahrgang in altersgemischten Gruppen. Ein wichtiger Bestandteil ist der tägliche Morgenkreis in den unteren Jahrgängen. Die Kinder berichten von ihren Erlebnissen, übernehmen Moderationsrollen und achten gemeinsam auf Gesprächsregeln. So lernen sie früh, zuzuhören, eigene Gedanken auszudrücken und Verantwortung in der Gruppe zu übernehmen – zentrale Elemente von Kommunikation und Kollaboration.

In den mittleren Jahrgängen rücken soziale Kompetenzen und gemeinsame Problemlösungen stärker in den Mittelpunkt. In Gruppenräten besprechen die Schüler:innen Anliegen des Zusammenlebens, entwickeln Lösungen für Konflikte und organisieren gemeinsame Aktivitäten. Hier werden kritisches Denken und Perspektivwechsel eingeübt.

In den höheren Jahrgängen erweitern Projektunterricht, Praktika und politische Bildung den Blick auf gesellschaftliche Zusammenhänge. Gleichzeitig erleben die Jugendlichen demokratische Mitbestimmung ganz konkret – etwa durch Schüler:innenräte, Wahlen oder Beteiligung an schulischen Gremien. So entstehen Lernräume, in denen die 4K nicht nur vermittelt, sondern täglich gelebt werden.
 

Zur Website Freie Comenius Schule in Darmstadt

 

Zum Weiterlesen

OECD: OECD-Lernkompass 2030. OECD-Projekt Future of Education an Skills 2030. Rahmenkonzept des Lernen. Deutsche Übersetzung von Bertelsmann Stiftung u.a.,  2019. Zum Kompass (pdf)

Poitzmann, Nikola / Sobel, Martina: Upgrade: 21st Century Skills. Das 4K-Modell des Lernens in der Praxis. Klett / Kallmeyer, 2025

Spiegel, Peter / Pechstein, Arndt (et al.): Future Skills: 30 zukunftsentscheidende Kompetenzen und wie wir sie lernen können. München, 2021.

Grafik zur Veranschaulichung des Bereiches Literatur unseres Hybriden Lernraums. Ein Pfeil zeigt auf drei Buecher, die neben einem Werkzeugkasten stehen.

Weitere Angebote im Hybriden Lernraum

Hybrider Lernraum

Der Beitrag ist Teil des Hybriden Lernraums. Hier finden Sie für Ihre Arbeit in Schule oder an außerschulischen Lernorten Informationen und Praxistipps aus Wissenschaft und Praxis – als Texte, Methoden, Podcasts, Videos oder Workshops.

Zurück zur Startseite

Sie haben Fragen zu unseren analogen und digitalen Formaten?

Schreiben Sie uns gerne!