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Anstrengungsbereitschaft im Schulalltag: Was Lehrkräfte tun können

Im Gespräch mit Prof. Dr. Jonas Radl

Zum Thema

Wenn Anstrengung von Herkunft abhängt

Die soziale Herkunft prägt Bildungswege in erheblichem Maße: Sie beeinflusst den schulischen Erfolg von Kindern und Jugendlichen, ihre Abschlüsse und ihre späteren Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Diese Zusammenhänge sind seit Langem gut erforscht und empirisch belegt. Prof. Dr. Jonas Radl und sein Team haben nun den Blick auf einen ganz anderen Aspekt gerichtet: den Zusammenhang von sozialer Herkunft und Anstrengungsbereitschaft. Über die Ergebnisse ihrer Forschung und darüber, was sie für Schulen bedeuten können, haben wir mit Jonas Radl gesprochen.

Selfie Jonas Radl

Prof. Dr. Jonas Radl

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Prof. Dr. Jonas Radl

Prof. Dr. Jonas Radl ist Professor für Soziologie an der Universidad Carlos III de Madrid. Seit März 2024 ist er am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) Gastforschungsprofessor im Forschungsschwerpunkt »Dynamiken sozialer Ungleichheit«, wo er von 2018 bis 2024 eine Forschungsgruppe leitete. Das interdisziplinäre, vom Europäischen Forschungsrat (ERC) geförderte Projekt erforschte soziale Unterschiede im Anstrengungsverhalten zwischen Kindern verschiedener sozialer Herkunft.

Wenn Anstrengung ungleich verteilt ist, dann ist sie kein Korrektiv für soziale Ungerechtigkeit, sondern verstärkt diese sogar noch.

Prof. Dr. Jonas Radl

Anstrengungsbereitschaft verstehen und fördern – im Gespräch mit Prof. Dr. Jonas Radl

Herr Radl, die Bedeutung von Anstrengungsbereitschaft für den Lernerfolg ist in der Forschung seit Langem bekannt. Was hat Sie dazu bewegt, nun den Zusammenhang mit sozialer Herkunft genauer zu untersuchen?

In der Debatte um Bildungsungleichheit konzentrieren wir uns oft auf die kognitiven Fähigkeiten der Kinder. Anstrengung galt dabei lange als die »große Unbekannte« oder – noch problematischer – als der Hebel für den fairen Ausgleich: Wer weniger Talent hat, müsse sich eben mehr anstrengen. Wir halten diese Art von Meritokratieglauben jedoch für ein Missverständnis und haben derartige Fragen mit unserer Forschung empirisch neu hinterfragt. Konkret wollten wir wissen, ob das, was wir als individuellen Fleiß wahrnehmen, nicht in Wahrheit selbst ein Produkt sozialer Herkunft ist. Wenn Anstrengung ungleich verteilt ist, dann ist sie kein Korrektiv für soziale Ungerechtigkeit, sondern verstärkt diese sogar noch. Die EFFORT-Studie sollte die »Blackbox« zwischen Herkunft und Leistung öffnen und konnte zeigen, dass die Bereitschaft von Schulkindern sich zu verausgaben, massiv davon abhängt, welche Prägung Kinder von zu Hause mitbringen.

Ihre Studie zeigt, dass soziale Herkunft und Anstrengungsbereitschaft zusammenhängen. Wie lässt sich dieser Befund erklären?

Die Erklärung liegt primär in den unterschiedlichen Sozialisationsbedingungen. Kinder aus akademischen Haushalten erleben oft eine höhere Sicherheit und erfahren viel elterliche Aufmerksamkeit. Das hilft bei der Entwicklung ihres Selbstwirksamkeitsgefühl. Sie lernen früh, dass sich Anstrengung auszahlt, weil sie in einem Umfeld aufwachsen, in dem Bildungserfolg die Norm ist. Hier greift das Konzept des kulturellen Kapitals: Die Schule spricht ihre Sprache, die Anforderungen sind ihnen vertraut. Für Kinder aus weniger privilegierten Familien ist die »Rendite« von Anstrengung oft weniger gewiss. Wenn man das Gefühl hat, ohnehin immer schlecht abzuschneiden, sinkt verständlicherweise die Bereitschaft, immer alles zu geben. Zudem machen materielle und immaterielle Mangelerfahrungen es schwerer, sich auf eine bestimmte Aufgabe zu konzentrieren. Anstrengungsbereitschaft ist somit kein reiner Charakterzug, sondern auch eine Reaktion auf die sozialen Verhältnisse, in denen ein Kind aufwächst.

Welche Schülerinnen und Schüler laufen besonders Gefahr, im Schulalltag als wenig anstrengungsbereit wahrgenommen zu werden?

Besonders gefährdet sind Kinder, deren Eltern selbst keine höhere Bildung besitzen, weil deren häusliche Lernkultur meist nicht eins zu eins den Erwartungen der Schule entspricht. Oft entsteht eine Abwärtsspirale: Wenn ein Schüler aufgrund fehlender Vorkenntnisse langsamer vorankommt, wird dies von Lehrkräften häufig als mangelndes Interesse oder Faulheit missinterpretiert. Lehrkräfte können nicht zweifelsfrei zwischen Fähigkeiten und Anstrengung unterscheiden, darum sehen wir hier eine Art »Halo-Effekt«: Bei Schülern mit guten Noten wird hohe Anstrengung unterstellt, während bei Leistungsschwachen oft das Gegenteil vermutet wird – selbst wenn diese objektiv hart arbeiten, um überhaupt den Anschluss zu halten. Auch Kinder, die ihre Anstrengung nicht »schultypisch« zeigen – etwa durch stilles Bemühen statt durch auffällige Partizipation –, laufen Gefahr, keine Anerkennung zu erleben und dann zu resignieren. In der Soziologie ist lange bekannt, dass in der Schule teils auch der Habitus der Schüler mitbewertet wird, also kulturelle Faktoren die nicht unbedingt lernrelevant sind. 

Welche Bedingungen erschweren es Kindern und Jugendlichen, Anstrengungsbereitschaft zu entwickeln oder dauerhaft aufrechtzuerhalten?

Ein wesentlicher Faktor ist die mangelnde Honorierung individueller Lernfortschritte durch unser Notensystem, das primär das Endergebnis im Vergleich zur Klassennorm bewertet. Wenn Kinder trotz großer Mühe keine sichtbaren Erfolge in Form von Noten erzielen, erlahmt die Motivation häufig. Hinzu kommen strukturelle Barrieren: Beengte Wohnverhältnisse, das Fehlen eines ruhigen Rückzugsraums zum Lernen, Gewalterfahrungen und der latente Stress durch finanzielle Sorgen der Eltern binden wertvolle kognitive Ressourcen. Diese  »mentale Last« führt dazu, dass im Schulalltag schlicht weniger »kognitive Bandbreite« für die bewusste Anstrengung übrig bleibt – das Gehirn ist bereits mit der Bewältigung der Lebensumstände ausgelastet. Zudem kann Fleiß wirkungslos verpuffen, wenn man von zu Hause nicht vermittelt bekommen hat, wie man Aufgaben strukturiert oder sich Wissen nachhaltig aneignet. Ohne das Wissen um das »Wie« einer zielgerichteten Anstrengung wird jede zusätzliche Bemühung als frustrierende Kraftverschwendung wahrgenommen. Anstrengung ist somit keine unerschöpfliche Ressource, sondern sie braucht eine sichere und unterstützende Umgebung, damit sich der Einsatz für das Kind subjektiv lohnt.

Was sollten Lehrkräfte über diese Zusammenhänge wissen, um Verhalten von Schülerinnen und Schülern nicht vorschnell falsch einzuordnen?

Anstrengung ist keine statische Eigenschaft ist, sondern hochgradig kontextabhängig. Ein Kind, das im Unterricht »abschaltet«, ist nicht zwangsläufig unmotiviert; es schützt sich vielleicht vor der frustrierenden Erfahrung des Scheiterns. Lehrkräfte verstehen das meist bereits intuitiv, aber eine faire Umsetzung im Unterricht ist schwierig.  Es ist wichtig, den »Attributionsfehler« zu vermeiden – also nicht das Individuum für etwas verantwortlich zu machen, das strukturelle Ursachen hat. Wissen über die soziale Stratifizierung von Anstrengung hilft Lehrkräften, ihren Blick zu schärfen: Wer hat heute einen besonders weiten Weg zurückgelegt, auch wenn das Ergebnis nur eine »Vier« ist? Jene Lehrkräfte, die erkennen, dass Fleiß mitunter erst durch Sicherheit und Erfolgserlebnisse erwachsen kann, schaffen es, gezielter zur individuellen Förderung beizutragen. 

 

Zur Studie 

»The Social Origins of Effort: 
How Incentives Reduce Socioeconomic Disparities among Children«


An der experimentellen Studie Insgesamt nahmen 60 Klassen aus 32 Schulen in Madrid und Berlin teil. Insgesamt 1.360 Fünftklässler:innen bearbeiteten einfache kognitive Aufgaben, mit denen sich Konzentration, Aufmerksamkeit und Selbstkontrolle erfassen ließen. Die bewusst einfach gehaltenen, aber anstrengenden Aufgaben wurden unter unterschiedlichen Bedingungen durchgeführt: zunächst ohne Belohnung für richtige Antworten, dann mit kleinen Geschenken und schließlich in einer Wettbewerbssituation mit zusätzlicher symbolischer Anerkennung. Das Ergebnis: Kinder aus Familien mit höherem sozialem Status zeigten im Durchschnitt mehr Anstrengungsbereitschaft als Kinder aus weniger privilegierten Familien – besonders dann, wenn keine Belohnungen in Aussicht standen. Durch konkrete Anreize bei der Aufgabenbearbeitung verringerte sich dieser Unterschied jedoch deutlich.

 

 

Wenn die »Regeln des Erfolgs« durch klare Anreize für jeden sichtbar sind, sinkt die Abhängigkeit vom kulturellen Kapital des Elternhauses.

Prof. Dr. Jonas Radl

Ihre Ergebnisse zeigen auch, dass Anstrengungsbereitschaft gefördert werden kann. Was können Lehrkräfte im Unterricht ganz konkret tun, um Anstrengungsbereitschaft zu stärken – gerade bei Kindern und Jugendlichen aus weniger privilegierten Familien?

Ein zentraler Hebel ist die Schaffung klarerer und kurzfristigerer Anreizstrukturen, wie wir sie aus der Gamification kennen. In digitalen Spielen ist der Zusammenhang zwischen Einsatz und Belohnung unmittelbar: Wer eine Aufgabe meistert, erhält sofort Feedback, Punkte oder neue Möglichkeiten. Im traditionellen Unterricht hingegen besteht die »Belohnung« oft einzig in einer Zeugnisnote und dem damit verbundenen, langfristigen Nutzenversprechen, dass gute Noten sich später im Leben einmal auszahlen – das ist für Kinder, die zu Hause weniger Bestärkung für langfristige Ziele erfahren, zu abstrakt. Lehrkräfte können den inneren Spieltrieb der Kinder nutzen, indem sie Lernprozesse in kleinere, sichtbare Etappen unterteilen und diese Erfolge explizit honorieren. Das können digitale Badges, Fortschrittsbalken oder einfache Token-Systeme sein, die den Fokus weg vom reinen Talent und hin zum investierten Fleiß lenken. Gerade für Kinder aus weniger privilegierten Familien ist diese Transparenz entscheidend: Wenn die »Regeln des Erfolgs« durch klare Anreize für jeden sichtbar sind, sinkt die Abhängigkeit vom kulturellen Kapital des Elternhauses. Es geht nicht darum, Bildung zu banalisieren, sondern Anstrengung durch ein faires, Feedback-orientiertes Design stärker zu einer lohnenden Investition für alle Schülerinnen und Schüler zu machen.

Und welche neuen Wege kann Ihrer Ansicht nach die Bildungspolitik beschreiten, um über den Hebel der Anstrengung mehr Bildungsgerechtigkeit herzustellen?

Die Politik muss den Mut aufbringen, evidenzbasierte Anreizsysteme auf ihre Wirksamkeit zu testen. Ein vielversprechendes Modell ist ein von mir designtes Pilotprojekt, das auf den oben genannten Erkenntnissen aufbauen soll. Wir adressieren damit eine drängende soziale Herausforderung: die weiterhin zu hohen Schulabbruchquoten und die mangelnden Basiskompetenzen bei benachteiligten Jugendlichen. Die geplante Intervention nutzt eine Kombination aus materiellen Anreizen (in Form von Gutscheinen) und Status-Anerkennung (etwa auf der Schul-Website), um bei förderbedürftigen Schülerinnen und Schülern eine grundlegende Anstrengung in der Schule zu befeuern. Auf unseren wissenschaftlichen Befunden fußt eine einfache Idee: Wenn die Leistungsschwächsten eine kleine Zusatzmotivation benötigen, um ihre Hausaufgaben zu machen und nicht in der Schule zu fehlen, sollten wir ihnen dabei helfen, damit sie nicht ohne Abschluss die Schule abbrechen und als Erwachsene im Transferempfang landen.

Dabei müssen wir eine Debatte führen, die oft von fehlgeleiteten moralischen Bedenken blockiert wird: die Angst vor dem sogenannten »Crowding-out«, also dem Verdrängen intrinsischer Motivation durch externe Anreize. Es ist fast schon zynisch, bei Jugendlichen, die aufgrund ihrer sozialen Lage bereits jede intrinsische Motivation verloren haben, aus prinzipiellen Erwägungen auf wirksame externe Impulse zu verzichten. Mit einem solchen skalierbarem experimentellem Ansatz und einer wissenschaftlich begleiteten Intervention ließe sich die Kluft zwischen den sozialen Schichten merklich schließen. Wir suchen hierfür die enge Kooperation mit Bildungsbehörden und Partnerorganisationen, die bereit sind, neue Wege jenseits ausgetretener Pfade zu erproben, um mehr Bildungsgerechtigkeit zu erreichen.

Praxis-Tipp

Anstrengungsbereitschaft im Unterricht stärken

Anstrengung fällt vielen Schülerinnen und Schülern leichter, wenn sie erleben: Mein Einsatz lohnt sich – und zwar schon heute. Lehrkräfte können dazu beitragen, indem sie Lernprozesse so gestalten, dass Fortschritte schnell sichtbar werden.

Hilfreich ist zum Beispiel:

  • große Aufgaben in kleine, erreichbare Schritte aufteilen
  • klare Zwischenziele setzen, die in einer Stunde, an einem Tag oder in einer Woche erreicht werden können
  • schnelles, konkretes Feedback geben, damit Schülerinnen und Schüler direkt merken, was sie geschafft haben
  • nicht nur Ergebnisse loben, sondern gezielt Einsatz, Ausdauer und Verlässlichkeit
  • Fortschritte sichtbar machen, etwa mit Checklisten, Lernzielen, Fortschrittsanzeigen oder Sammelpunkten
  • Anstrengung ausdrücklich anerkennen, zum Beispiel durch kurze Rückmeldungen, kleine Auszeichnungen oder besondere Erwähnungen
  • transparent machen, was zum Erfolg führt: Was genau wird erwartet? Was zählt? Woran erkennt man Fortschritt?
  • Hausaufgaben, regelmäßige Teilnahme und Dranbleiben positiv verstärken
  • kleine motivierende Elemente aus der Gamification nutzen, etwa Badges, Tokens oder kleinen Challenges

Zum Weiterlesen oder -hören

Mankarios, Alexandra (2025): Growth Mindset – Was Lehrkräfte mit dem Wachstumsdenken bewirken können/Katharina Asbury vom IPN Leibniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik im Interview, Deutsches Schulportal
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Hidden Brain (2024): Finding Focus
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Radl, Jonas (2024), Antrieb, Anreiz, Anerkennung. Was Schülerinnen und Schüler zu Leistung anstachelt, WZB-Mitteilungen, 185, 10-12.
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Emily Oster (2025): Do Classroom Rewards Improve Behavior?
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Grafik zur Veranschaulichung des Bereiches Literatur unseres Hybriden Lernraums. Ein Pfeil zeigt auf drei Buecher, die neben einem Werkzeugkasten stehen.

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