Trainingsvideo mit Christian Spannagel
Zusammenfassung des Videos
- Kinder und Jugendliche lassen sich für Mathematik eher motivieren, wenn sie sich im Unterricht als autonom, kompetent und sozial eingebunden erleben.
- Die Motivation für Mathematik ist außerdem dann größer, wenn ihre Relevanz sichtbar wird und Lehrkräfte echtes Interesse und Begeisterung vermitteln.
- Ein Growth-Mindset und eine positive Fehlerkultur helfen, Mathe-Ängste und »Ich kann das nicht«-Denken abzubauen.
- Mathematik hat zu Unrecht immer noch ein männliches Image – dabei kennt Mathematik kein Geschlecht!
Machen Sie sich bewusst:
- Welche Botschaften senden Sie durch Ihre Sprache und Ihr Feedback – fördern Sie eher »Begabung« oder »Entwicklung«?
- Materialien und Beispiele können Vielfalt spiegeln oder Rollenklischees festigen.
Mathematik – ein Fach mit vielen Emotionen
Viele Schüler:innen haben ein gespaltenes Verhältnis zum Fach – Mathe ist sogar häufig mit Frust und Angst verbunden. Negative Mathe-Selbstbilder sind weit verbreitet: Viele Kinder und Jugendliche glauben, Mathematik sei »einfach nichts für sie«. Dabei gibt es zahlreiche Stellschrauben, um der negativen Einstellung zu begegnen und Mathematik in einem anderen Licht erscheinen zu lassen. Christian Spannagel, Professor für Mathematik und Mathematikdidaktik, zeigt im Trainingsvideo, welche Ansätze dabei helfen können – und wie sie sich praxisnah im Unterricht umsetzen lassen.
Prof. Dr. Christian Spannagel
Strategien, um für Mathematik zu begeistern
Motivation
»Selbstbestimmungstheorie der Motivation« nach Deci und Ryan:
Die Wissenschaftler Edward Deci und Richard Ryan beschreiben intrinsische Motivation als eng verbunden mit der Erfüllung dreier psychologischer Grundbedürfnisse:
Autonomie, Kompetenz und soziale Eingebundenheit.
Intrinsische Motivation entsteht besonders dann, wenn Lernende selbst Entscheidungen treffen können, sich als wirksam und kompetent erleben und sich sozial zugehörig fühlen. Diese Bedingungen fördern nicht nur das Wohlbefinden, sondern auch engagiertes und nachhaltiges Handeln.
Praxistipps zur Förderung von Motivation:
- Wahlmöglichkeiten schaffen, z. B. durch Methoden wie die Lerntheke
- Aufgaben in unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden anbieten
- Aufgaben mit natürlicher Differenzierung einsetzen
- Informatives, konstruktives Feedback geben
- Alternative Lösungswege zulassen und wertschätzen
- Aufgaben einbauen, die in der Gruppe gelöst werden
Relevanz & Interesse
Relevanz
Schüler:innen lernen motivierter, wenn sie den Sinn und Nutzen eines Inhalts erkennen. Relevanz entsteht besonders dann, wenn Lerninhalte an die eigene Lebenswelt anknüpfen, konkrete Anwendungsmöglichkeiten sichtbar werden oder ein Thema in einen authentischen Kontext eingebettet ist. Tatsächlich ist Mathematik fester Bestandteil des Alltags, auch wenn uns dies oft nicht bewusst ist.
Interesse
Begeisterung wirkt ansteckend – auch im Mathematikunterricht. Lehrkräfte, die ihr Fach sichtbar gern unterrichten, können Neugier und Interesse leichter wecken. Ihnen gelingt es eher, Lernprozesse lebendig zu gestalten und auch komplexe Inhalte verständlich und zugänglich aufzubereiten. So wird Mathematik nicht nur als »Stoff«, sondern als sinnvolles Denken und Problemlösen erlebbar.
Praxistipps zur Herstellung von Relevanz:
- Persönliche Bezüge herstellen (Anknüpfen an Erfahrungen, Interessen, Entscheidungen)
- Alltagssituationen simulieren (realistische Aufgaben mit Rollen, Daten, Bedingungen)
- Nutzen darstellen (Wofür brauche ich das? Was kann ich damit lösen?)
- Authentische Kontexte schaffen (z. B. über Storytelling, Fallbeispiele, »echte« Probleme)
Praxistipps zur Förderung von Interesse:
- Zeigen Sie Ihre Begeisterung für Mathematik (z. B. durch kurze Aha-Momente, kleine Knobeleinstiege, »Wusstest du schon…?«)
- Seien Sie authentisch (echt bleiben, auch Unsicherheiten oder eigene Denkwege transparent machen)
- Machen Sie sich Ihre Vorbildfunktion bewusst (Haltung zu Fehlern, Sprache über Mathe, Umgang mit Herausforderungen prägt Lernende)
- Schaffen Sie ein positives Lernklima (Wertschätzung, Fehlerfreundlichkeit, Humor, klare Strukturen und Unterstützung)
Growth Mindset
Viele Schüler:innen sind überzeugt, dass sie »Mathe einfach nicht können« und sich daran nichts ändern wird. Ein solches Fixed Mindset wirkt wie eine innere Bremse: Es senkt die Bereitschaft, dranzubleiben, Fehler auszuhalten und neue Strategien auszuprobieren. Umso wichtiger ist ein Lernklima, das ein Growth Mindset stärkt – also die Überzeugung, dass Lernen durch Anstrengung, passende Strategien und Unterstützung möglich ist und Fortschritt Schritt für Schritt entsteht.
Praxistipps zur Förderung eines Growth Mindsets:
- Vermitteln Sie: Mathematik ist eine spannende Herausforderung – kein »Angstfach«, sondern ein Fach zum Ausprobieren und Weiterdenken.
- Geben Sie Feedback zu Einsatz, Strategie und Lernweg (nicht nur zum richtigen Ergebnis).
- Etablieren Sie eine positive Fehlerkultur: Fehler werden als Hinweise verstanden, nicht als Beweis fehlender Fähigkeit.
- Pflegen Sie eine Beziehungskultur: Ein vertrauensvolles Schüler:in–Lehrer:in-Verhältnis unterstützt Mut, Fragen und Durchhaltevermögen.
- Setzen Sie den Fokus auf Stärken und Entwicklung, Unterstützung statt Ausgrenzung.
Mädchen und Mathematik
Mathematik wird gesellschaftlich noch immer häufig als »männlich« wahrgenommen – obwohl mathematische Fähigkeiten nichts mit Geschlecht zu tun haben.
Dass Mathe dennoch oft als klassisches »Jungenfach« gilt, hängt weniger an den Inhalten als an Erwartungen, Rollenbildern, Sprache und Unterrichtserfahrungen, die (unbeabsichtigt) stereotype Botschaften verstärken können.
Umso wichtiger ist ein Mathematikunterricht, der Zutrauen aufbaut, Zugehörigkeit vermittelt und vielfältige Stärken sichtbar macht.
Praxistipps zur Stärkung von Mädchen:
- Positive weibliche Rollenbilder einbinden (z. B. Mathematikerinnen, Informatikerinnen, Ingenieurinnen; auch aus Gegenwart und Alltag)
- Selbstvertrauen stärken: Fortschritte sichtbar machen, ermutigende Rückmeldungen geben
- Lehrmaterialien bewusst auswählen: Beispiele, Bilder und Kontexte auf Rollenklischees/Stereotype prüfen
- Alltagspraktischen Nutzen zeigen (z. B. Finanzen, Gesundheit, Technik, Umwelt, Design, Sport)
- Sprache inklusiv gestalten: weibliche und diverse Bezeichnungen mitdenken (z. B. Programmierer:innen, Mathematiker:innen)
- Vielfältige Zugänge zur Mathematik anbieten: visuell, sprachlich, digital, kreativ, problemlösend – damit alle Lernenden Anknüpfungspunkte finden
- Aufgaben für geschlechtergemischte Teams so gestalten, dass Rollen nicht festschreiben: klare Teamrollen (z. B. Sprecher:in, Rechner:in, Checker:in, Material) rotieren lassen und alle beteiligen
Impulse zum Trainingsvideo
Jetzt loslegen und dran bleiben: »Meine Mathe-Motivation«
Erst die Reflektion – dann die Motivation
Eigene Haltung zu Mathematik reflektieren:
- Gab es in der eigenen Mathe-Biografie positive oder negative Erfahrungen?
- Gab es einen Moment in dem sich Ihr Bild von Mathematik verändert hat? Was war die Ursache?
Eigenes Verhalten im Umgang mit Schüler:innen reflektieren:
- Welche Maßnahmen setzen Sie ein, um zu begeistern?
- Welche Methoden setzen Sie ein, um möglichst alle Schüler:innen zu erreichen?
- Inwieweit sehen Sie sich als Vorbild? Was leben Sie vor?
Zum Weiterlesen
Boaler, Jo: Math-ish: A Groundbreaking Guide to Finding Joy and Understanding in Mathematics. HarperOne, 2024.
Deci, Edward L. & Ryan, Richard M.: Die Selbstbestimmungstheorie der Motivation und ihre Bedeutung für die Pädagogik. Zeitschrift für Pädagogik, 1993/39, 223-238.
Dweck Carol: Selbstbild: Wie unser Denken Erfolge oder Niederlagen bewirkt. Piper, 2017.
Webseite MINTCampus: Vier Tipps für die Ansprache von Frauen und Mädchen
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Hybrider Lernraum
Die Trainingsvideos sind Teil des Hybriden Lernraums. Hier finden Sie für Ihre Arbeit in Schule oder an außerschulischen Lernorten Informationen und Praxistipps aus Wissenschaft und Praxis – als Texte, Methoden, Podcasts, Videos oder Workshops.
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