Interview
Informationen zur Begabtenförderung in Mecklenburg-Vorpommern - ein Überblick

Interview mit Matthias Zwerschke
Leiter des für die Begabtenförderung zuständigen Referats »Schulaufsicht für Gymnasien, Gesamtschulen und schulische Mitwirkungsgremien« im Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur Mecklenburg-Vorpommern, Schwerin
 

Herr Zwerschke, für Mecklenburg-Vorpommern ist »Individuelle Förderung« kein leeres Bildungsversprechen. Auf welchem Selbstverständnis beruht in Ihrem Bundesland die Talentförderung von Kindern und Jugendlichen?

Die Koalitionsvereinbarung für die 7. Wahlperiode 2016-2021 sieht vor, die Begabtenförderung und die Profilbildung an Gymnasien und Gesamtschulen auszubauen. Dazu gehören die ab dem Schuljahr 2016/17 zusätzlich eingerichteten 35 Lehrerstellen für die Begabtenförderung und 14 Lehrerstellen für die Profilbildung in den Bereichen MINT, humanistische Bildung / Alte Sprachen und Niederdeutsch an Gymnasien und kooperativen Gesamtschulen. Das Ziel ist, engagierten leistungsstarken und potenziell besonders leistungsfähigen Schülerinnen und Schülern besondere Bildungsangebote zu machen.


Steht dies im Widerspruch zur Inklusionsstrategie, deren Umsetzung im Bildungsbereich bis 2023 Mecklenburg-Vorpommern gerade beschlossen hat?

Alle Kinder und Jugendlichen mit besonderen Förderbedarfen und Interessen stehen im Vordergrund schulischer Inklusion, das heißt sowohl die mit Benachteiligungen als auch diejenigen mit besonderen Begabungen. Die Begabtenförderung in Mecklenburg-Vorpommern hat das Ziel, die individuellen Begabungen aller Schülerinnen und Schüler zu entdecken, zu stärken und zu fördern und ist eine grundlegende Aufgabe aller Schularten.


Der damit verbundene Anspruch, alle Schülerinnen und Schüler entsprechend ihren Talenten, Begabungen und Neigungen umfassend und individuell zu fördern, braucht eine differenzierte schulische Begabtenförderung. Wie sieht die Förderung an den Schulen in Mecklenburg-Vorpommern aus?

Die Grundschulen des Landes sind so gestaltet, dass alle Schülerinnen und Schüler ihren Möglichkeiten entsprechende Lern- und Entwicklungschancen erhalten. Der binnendifferenzierte Unterricht wird auf die individuellen Lernprozesse abgestimmt. Für besonders begabte Schülerinnen und Schüler sind gleichermaßen alle Möglichkeiten der Förderung, wie zum Beispiel Flexibilität beim Einschulungsalter, Überspringen von Jahrgangsstufen, effektive Lernstrategien, Teilungsunterricht, Unterricht in höheren Klassen und Teilnahme an außerschulischen Bildungsangeboten zu nutzen. Für besonders begabte Schülerinnen und Schüler mit festgestellter Hochbegabung arbeitet in jedem der vier Schulamtsbereiche ein speziell eingerichtetes Gymnasium mit überregionalen Förderklassen für die Beschulung von diagnostiziert kognitiv hochbegabten Schülerinnen und Schülern ab Jahrgangsstufe 5. Neu hinzugekommen sind die Profilgymnasien, die die Lernenden in den Bereichen MINT, humanistische Bildung / Alte Sprachen und Niederdeutsch besonders zielgerichtet fördern.


Dies schließt auch die Förderung von musikalisch und sportlich besonders begabten Schülerinnen und Schülern ein?

Musikalisch und sportlich besonders begabte Schülerinnen und Schüler werden an den Musik- und Sportgymnasien in ihrer individuellen Leistungsentwicklung gefördert und gestärkt.


Eine solch differenzierte Förderung stellt einen hohen fachlichen Anspruch an die pädagogische Arbeit von Fachkräften. Wo finden Erzieherinnen und Erzieher wie auch Lehrkräfte und Schulleitungen qualifizierte Fortbildung und Unterstützung im Land?

Für die pädagogische Arbeit und Fortbildung der Fachkräfte in Kindertageseinrichtungen und für Tagespflegepersonen ist vom Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur und seinen Partnern in Abstimmung mit den Rahmenplänen der Grundschulen die »Bildungskonzeption für Kinder von 0 bis 10 Jahren« entwickelt worden. Zahlreiche regionale Partner bieten Fortbildungsprogramme für Erzieherinnen und Erzieher auf der Grundlage dieser Bildungskonzeption an.
Die Lehrkräfte und pädagogischen Fachkräfte an den Schulen in Mecklenburg-Vorpommern erhalten Fort- und Weiterbildungen unter anderem in Veranstaltungen des Instituts für Qualitätsentwicklung Mecklenburg-Vorpommern (IQ M-V), in Fortbildungsveranstaltungen in Kooperation mit dem IQ M-V und in anerkannten Lehrerfortbildungen externer Fortbildungsträger. Lehrerinnen und Lehrer werden so insbesondere bei der Weiterentwicklung ihrer pädagogischen und fachlichen Kompetenzen, der nachhaltigen Entwicklung des Unterrichts und bei Schulentwicklungsprozessen unterstützt.


Individuelle Förderung benötigt daneben auch geeignete Lernorte außerhalb der Schule. Welche außerschulischen Förderangebote und Kooperationen sind charakteristisch für Mecklenburg-Vorpommern?

Neben Frühstudienprogrammen und Projekttagen in Schülerlaboren an Hochschulen und anderen wissenschaftlichen Einrichtungen nehmen die Schülerinnen und Schüler in Mecklenburg-Vorpommern unter anderem an zahlreichen Wettbewerben und Olympiaden auf verschiedenen Ebenen teil. Das Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur sowie das IQ M-V unterstützen zahlreiche Wettbewerbe bzw. die Teilnahme der Schülerinnen und Schüler an diesen.


Nicht nur Lehrkräfte, auch Eltern und Schülerinnen und Schüler suchen Rat und Unterstützung bei ihren persönlichen Fragen zur Begabtenförderung. Wo finden sie professionelle Beratung in Mecklenburg-Vorpommern?

Die Schulpsychologinnen und Schulpsychologen unterstützen und beraten Schülerinnen und Schüler und deren Eltern unter anderem bei Lern- und Leistungsproblemen, bei der Einschulung des Kindes, der Gestaltung der Schullaufbahn und bei Verhaltensauffälligkeiten des Kindes. Darüber hinaus führen sie auch die Diagnostizierung von Hochbegabungen durch.
Die Servicestellen Inklusion beraten unter anderem zu Möglichkeiten der inklusiven Beschulung, zu geeigneten Lernorten in der Region, zu schulischen und außerschulischen Hilfs- und Förderangeboten und koordinieren vorhandene Unterstützungsangebote.


Im November 2016 ist die gemeinsame Initiative von Bund und Ländern ins Leben gerufen worden, bessere Entwicklungsmöglichkeiten für leistungsstarke und leistungsfähige Schülerinnen und Schüler zu schaffen, unabhängig von Herkunft, Geschlecht und sozialem Status. In jedem Bundesland sollen zunächst Pilotschulen über einen Zeitraum von fünf Jahren Konzepte zur Förderung erarbeiten. Die entwickelten Strategien und Konzepte werden der Schulpraxis anschließend zur Verfügung gestellt.
Welche nächsten Umsetzungsschritte stehen hier für Mecklenburg-Vorpommern an, Herr Zwerschke, und wie schätzen Sie die zukünftige Entwicklung der Begabtenförderung in Ihrem Bundesland ein?

Das Auswahlverfahren der Schulen zur Teilnahme an der von der KMK beschlossenen gemeinsamen Initiative des Bundes und der Länder zur Förderung leistungsstarker und potenziell besonders leistungsfähiger Schülerinnen und Schüler ist mit Beginn des neuen Schuljahres abgeschlossen worden. Angesichts der Voraussetzungen - schulartübergreifende Zielgruppe im Primar- und Sekundarbereich I, Erfahrungen der teilnehmenden Schulen in der Unterrichts- und Schulentwicklung hinsichtlich der Förderung von besonders begabten Schülerinnen und Schülern - sowie einer gewünschten Nachhaltigkeit der Bund-Länder-Initiative in ganz Mecklenburg-Vorpommern, wurden je ein Gymnasium und eine Grundschule in jedem der vier Schulamtsbereiche vorgeschlagen. Start der zehnjährigen Initiative war im Januar 2018. Derzeit wird ein Qualifizierungsprogramm zur Personal-, Schul- und Netzwerkentwicklung für die erste fünfjährige Phase vorbereitet.


Herzlichen Dank!