Wie arbeitet eine psychologische Beratungsstelle?

Nicht einfach einen Stempel aufdrücken

Lisa Bleckmann, Psychologin am Hoch-Begabten-Zentrum Rheinland, erzählt im Gespräch, was den Arbeitsalltag in einer Beratungsstelle ausmacht, welche Beratungsanliegen Eltern haben – und warum Intelligenztests nicht immer sinnvoll sind.
 

Frau Bleckmann, als psychologische Beraterin unterstützen Sie Eltern im Finden und Fördern besonderer Begabungen. Was passiert eigentlich, wenn ich mich als Elternteil an Sie wende, weil ich vermute, dass mein Kind besonders begabt ist?

Bleckmann: In der Regel nehmen die Eltern zunächst telefonisch Kontakt zu uns auf. Einer unserer Psychologen versucht dann, das Anliegen zu konkretisieren und das weitere Vorgehen zu erläutern. In den meisten Fällen machen wir dann zwei Termine aus: einen für das ausführliche Vorgespräch und die Testdiagnostik mit dem Kind und einen für die Beratung. Im Vorgespräch werden die Entwicklungsgeschichte des Kindes, alle Besonderheiten sowie mögliche Problemstellungen besprochen. Im anschließenden Test wird das Kind an verschiedene Denkaufgaben herangeführt. Je nach Alter variieren der Schwierigkeitsgrad und der Umfang dieser Aufgaben natürlich sehr. An dem zweiten Termin wird den Eltern das Testverfahren vorgestellt, die Ergebnisse werden erläutert und eingeordnet. Anschließend überlegen unser Psychologe und die Eltern gemeinsam, was die Ergebnisse bedeuten – und wie es nun weitergehen kann. Bei Bedarf besteht die Möglichkeit, dass sich der Psychologe mit Erziehern oder Lehrern austauscht.
 

Gibt es typische Beratungsanliegen?

Bleckmann: Häufig geht es um Unterforderung in der Schule oder im Kindergarten, verbunden mit Langeweile oder störendem Verhalten. Die Frage nach einer frühzeitigen Einschulung oder einem Klassensprung wird uns ebenfalls oft gestellt. Auch psychosomatische Beschwerden oder ein ungünstiges Lern- und Arbeitsverhalten trotz einer vermuteten guten Begabung sind immer wieder Themen, die Eltern interessieren.
 

Kommen nur Gymnasiasten zu Ihnen – oder Schüler unterschiedlicher Schulformen?

Bleckmann: Viele Kinder werden uns bereits in der Kindergarten- oder Grundschulzeit vorgestellt. Aus den weiterführenden Schulen bilden die Gymnasiasten den größeren Anteil. Aber zum Glück finden auch Hauptschüler den Weg zu uns, die es vielleicht bisher noch nicht geschafft haben, ihr Potenzial in schulische Leistung umzusetzen. Wir wollen uns nicht nur auf das Thema Hochbegabung festlegen, sondern sind generell Ansprechpartner für alle Fragen rund um das Thema Begabung. Selbstverständlich gibt es auch an anderen Schulformen begabte und hochbegabte Kinder und Jugendliche. Unser Förderprojekt Bildungschance – Get Started richtet sich zum Beispiel gezielt an Haupt- und Realschüler, die ihre Begabungen bisher noch nicht vollständig in Leistung umsetzen konnten – sogenannte Underachiever.
 

Haben Eltern bei Ihnen die Möglichkeit, einen Intelligenztest ihres Kindes in Auftrag zu geben?

Bleckmann: Es ist uns sehr wichtig, dass wir nicht einfach nur einen Test durchführen, um dem Kind mit dem Ergebnis einen Stempel aufzudrücken. Salopp formuliert: Einfach mal zu gucken, wie schlau das Kind denn eigentlich ist – das lehnen wir ab. Wenn ein Kind in der Schule gut klar kommt, glücklich ist und gute Leistungen erbringt, ist es aus unserer Sicht nicht notwendig, den IQ-Wert zu ermitteln. Erst wenn sich Probleme abzeichnen oder das Kind unzufrieden ist, raten wir zu einem Test. Natürlich gibt es auch besorgte Eltern, die eine ungünstige Entwicklung befürchten, wenn sie nicht frühzeitig ansetzen. Diese Sorgen kann man ihnen oft bereits am Telefon oder in einem Beratungsgespräch nehmen.
 

Können auch Lehrende sich mit einer Vermutung auf eine besondere Begabung eines Schülers an Sie wenden?

Bleckmann: Lehrer und Erzieher dürfen keine Kinder bei uns anmelden, da hierzu das Einverständnis der Eltern erforderlich ist. Aber häufig raten die Bildungsinstitutionen den Eltern zu einem Termin in unserer Einrichtung und arbeiten im Anschluss auch mit uns zusammen. Gerne können sich Lehrer und Erzieher mit allgemeinen Fragen oder aber in anonymer Form mit spezifischen Fragen zu einem Kind an uns wenden.
 

Welche Begabungsbereiche kann ein Test bei Ihnen erfassen?

Bleckmann: Es gibt natürlich sehr verschiedene Begabungsbereiche. Die intellektuelle Begabung ist nur eine unter vielen. Auch im musikalischen, künstlerischen und sportlichen Bereich gibt es sehr begabte Menschen. Wir haben uns in unserer Einrichtung aber auf die kognitiven Fähigkeiten eines Kindes spezialisiert. Diese unterteilen sich je nach Testverfahren in Teilbereiche wie verbale, numerische und logisch-abstrakte Fähigkeiten. Auch das Arbeitsgedächtnis oder die Verarbeitungsgeschwindigkeit werden in einigen Verfahren überprüft.
 

Wie umfangreich ist so ein Test?

Bleckmann: Das hängt vom Alter und der Art des Testverfahrens ab. Mit den ganz Kleinen arbeitet man ungefähr eine Stunde an den Aufgaben, bei Jugendlichen kann eine Diagnostik schon einmal drei Stunden dauern.
 

Was kostet ein Test – und wer übernimmt evtl. die Kosten?

Bleckmann: Die Kosten für ein Vorgespräch, eine Diagnostik und ein Beratungsgespräch belaufen sich auf etwa 230 Euro. Diesen Betrag bezahlen die Eltern. Es ist uns sehr wichtig, dass jeder, der Rat braucht – unabhängig von seiner finanziellen Situation – zu uns kommen kann. Daher gibt es bei uns eine Sozialklausel, nach der die Kosten vermindert oder vollständig erlassen werden können. Auch eine Ratenzahlung ist individuell vereinbar.
 

Und wie erreichen Sie Eltern, die gar nicht auf die Idee einer besonderen Begabung ihres Kindes kommen?

Bleckmann: Immer wieder kommen Familien zu uns, die von Lehrern, Erziehern oder Kinderärzten auf die Idee gebracht wurden, sich bei uns vorzustellen. Daher arbeiten wir eng mit diesen Einrichtungen zusammen. Darüber hinaus haben wir neben unserer Einzelfallhilfe als weiteren Aufgabenschwerpunkt verschiedene Förderprojekte. Im Projekt Bildungschance wurden die Teilnehmer der Fördergruppe zum Beispiel. über den Potenzialcheck ausfindig gemacht. So haben wir Schüler von Haupt- und Realschulen für unsere Fördergruppen gewinnen können. In unserem Förderprojekt Durchstarter haben wir allen Auszubildenden aus zehn verschiedenen Fachrichtungen die Möglichkeit gegeben, an einer Testung zur berufsbezogenen Begabung teilzunehmen. Aus den fast 500 Auszubildenden, die an der Testung teilnahmen, haben wir anschließend eine Gruppe aus 50 beruflich talentierten Auszubildenden gebildet, die wir nun ebenfalls über zwei Jahre mit verschiedenen Trainings- und Coachingangeboten fördern. Durch solche Projekte wollen wir möglichst viele Begabte unabhängig von finanziellen Bedingungen und Bildungshintergrund ihrer Familie erreichen. Daher sind all die genannten Projekte für die Teilnehmer kostenlos und werden durch Kommunen oder Stiftungen finanziert.

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