»Humor«

»Lachend Leistung lieben lernen«: Unter diesem Motto gestaltet die Gebrüder-Grimm-Schule in Hamm ihren Schulalltag. Viele Schüler mit Migrationshintergrund, schlechte Ausstattung, räumliche Enge: Die Schule hat mit den gleichen Baustellen zu kämpfen wie viele Brennpunktschulen in Deutschland. Was sie von den anderen unterscheidet, ist ihr erfolgreiches Lernkonzept und ihre pädagogische Haltung. Das Schulmotto »Lachend Leistung lieben lernen« möchte anleiten zu Eigenverantwortung, Wertschätzung, Förderung respektvollen Handelns, positivem Feedback. Und das beginnt, so der Schulleiter Frank Wagner, mit einer fröhlichen und lebendigen Atmosphäre an der Schule.

Doch wie gelingt es, mit Lachen zu einem besseren Unterricht zu kommen? An der Universität Augsburg beschäftigen sich die Wissenschaftler Sonja Biel und Markus Dresel intensiv mit der Frage: Wie führt Humor zu einem effektiveren Unterricht? Einig ist sich die pädagogische Grundlagenforschung längst, dass Faktoren wie Emotion, Motivation und Beziehung großen Anteil am Leistungserfolg haben. Humor, bestätigen die Forscher Biel und Dresel, kann in diesem Kontext aufmerksamkeits-, motivations- und lernförderliche Funktionen einnehmen und damit zu einer hohen Unterrichtsqualität beitragen.

Ganz entscheidend ist dabei die Art von Humor. Macht die Lehrkraft Witze über andere Schüler oder nimmt sie sich selbst aufs Korn? Dass aggressiver Humor, der sich gegen Schülerinnen oder Schüler richtet, nicht zu einer guten Lernatmosphäre beiträgt, überrascht kaum. Aber auch ein selbstabwertender Humor oder Humor ohne direkten Bezug zum Unterricht führt nicht zwangsläufig zu mehr Lernfreude und -motivation. Nur wenn der Humor eng mit dem Unterrichtsstoff verknüpft ist – sogenannter lerngegenstandsbezogener Humor – wirkt er sich positiv auf die Schüler-Lehrer-Beziehung und das Interesse am Unterricht aus.

Lachen im Unterricht ist wie ein kurzes Fensteröffnen und einmal kräftig durchlüften. Danach geht es wieder frisch ans Werk, sagt auch der Soziologe Professor Hartmut Rosa. Humor bedeutet für ihn eine fehlertolerante Grundhaltung, mit Unzulänglichkeiten umzugehen. Damit wird ein Lern- und Arbeitsklima geschaffen, in dem Fehler gemacht werden dürfen. Erfolgreiches Lernen, so Hartmut Rosa in seinem Konzept der Resonanzpädagogik, gelingt als ein wechselseitiges geistiges Berühren und Berührtwerden. Humor trägt in diesem Verständnis ganz entscheidend dazu bei, verhärtete Strukturen zu lösen, Bildungsprozesse neu zu gestalten und anregende Beziehungen im Resonanzraum Schule zu schaffen.

Wem ein humorvoller Unterrichtseinstieg, die Integration von lustigen Wortspielen oder Cartoons nicht liegt, braucht jedoch nicht zu verzweifeln: Erfolgreicher Unterricht gelingt auch ohne Humor. Humor ist lediglich eine Möglichkeit, Motivation und Lernfreunde von Schülerinnen und Schülern zu fördern.

»Pranks and prayers« – Humor und Würde – sind Ihre wichtigsten Leitbilder als Lehrender. Das macht neugierig: Wie ist das zu verstehen?

»Pranks« sind Streiche. Sie müssen natürlich geistreich sein, dürfen nicht nerven oder gefährlich sein. Und das bekommt dann so etwas Agonales, es wird zum Wettstreit, man spornt sich an, auf gute Ideen zu kommen. Gleichzeitig nehme ich die Jugendlichen ernst, in ihrer Würde und Einzigartigkeit. Ich lerne von jedem etwas, und ich weiß, dass jeder und jede Stärken hat und ich ganz viele Schwächen. Das ist das Erstaunliche: Humor geht, wenn man die Leute ernst nimmt.

Mit Humor eine gute Lernatmosphäre herstellen, klingt in der Theorie einleuchtend. Wie gelingt das praktisch?

Es gibt keine Zauberformel, weil Humor immer etwas mit Situationen zu tun hat. Und eine Situation ist nie völlig transparent. Ich weiß nie genug über die Anderen und über mich, um mit Sicherheit sagen zu können, was wie ankommt. Aber ich möchte, dass die Leute in meinem Kurs so gelassen und gleichzeitig so konzentriert sind, dass sie sich auch mal einen Wortwitz trauen. Zum Teil muss man das vormachen, durch Selbstironie, wo man gleichzeitig Humorist und »Humorierter« ist. Feinfühligkeit und dicke Haut, das muss man beides haben.

Sie haben es eben angesprochen: Dos and don’ts! Menschen lachen nicht immer über dasselbe. Was heißt das für den Unterricht?

Das heißt, dass ich mich für Menschen interessieren muss, und zwar für genau die, mit denen ich jeweils zu tun habe. Ich muss ganz sicher sein, dass die einzigartig sind – dass ich auf sie achten muss und auf mich im Umgang mit der Gruppe und den Einzelnen. Noch so ein Paradox also: Ohne Sorge kein Humor.

Keine einfache Herausforderung! Wenn ich mehr über das Thema Humor im Unterricht erfahren möchte: Was kann ich in Ihren Kursen lernen?   

Mich interessiert die Struktur von humoristischen Werken: Wie sind die gemacht? Die Situation des freudigen Lachens: Warum geht das manchmal gut und manchmal nicht? Das zeige ich an Beispielen, von denen aus man dann ein bisschen abstrahieren kann, und dabei entwickeln meine Gesprächspartner im Idealfall eine größere Sicherheit und Freude und Gelassenheit, die sie dann mitnehmen in ihre weitere Arbeit.

 

tipps

Wie geht Humor – oder wie geht er eben nicht? Bob Mankoff, langjähriger Cartoon-Verantwortlicher beim New Yorker, spricht darüber im Video Robert Mankoff, Anatomy of a New Yorker cartoon.

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Humor im Unterricht wissenschaftlich betrachtet: Sonja Bieg, Robert Grassinger und Markus Dresel, Humor im Unterricht – eine Möglichkeit zur Förderung von Lernfreude und Motivation, Dezember 2018.

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Humor ist eine Haltung zur Welt, zu sich selbst und zu den Mitmenschen. Wer Humor hat, kann gut mit den eigenen Unzulänglichkeiten und den Fehlern anderer umgehen, reagiert gelassen, wenn seine Erwartungen nicht erfüllt werden. Eine solche fehlertolerante Grundhaltung braucht es im Resonanzraum Schule, schreibt der Soziologe Hartmut Rosa. Mehr dazu in Hartmut Rosa und Wolfgang Endres, Resonanzpädagogik, Weinheim: Beltz, 2016.

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Trainingsaufgaben

  • Zwei Schüler zücken mitten in der Stunde eine Wasserpistole und beschießen Sie. Sie ärgern sich, kommen aus dem Konzept. Die beiden schauen verdutzt und rufen: War doch nur ein Witz! Wie reagieren Sie? Mit welcher Art von Humor haben wir es hier zu tun? Ist das überhaupt Humor?
  • In der Bildergalerie unten sehen Sie einen Cartoon von Phil Hubbe. Sie überlegen, diesen Cartoon in einer Unterrichtseinheit zum Thema Leben mit Behinderung einzusetzen. Kann das gutgehen? Was spricht dafür, was spricht dagegen?

 

Die 2-teilige Workshopreihe mit Christophe Fricker zum Thema Für alle, die gern mehr zu lachen hätten: Humor im Unterricht fand bereits statt. Aufgrund der guten Resonanz ist geplant, den Workshop erneut anzubieten. Wenn Sie daran Interesse haben, schreiben Sie uns eine E-Mail.

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Zum Referenten

Dr. Christophe Fricker lebt in Großbritannien. Er unterrichtet an führenden Universitäten in Großbritannien und Nordamerika deutsche Gegenwartskultur und Übersetzung und beschäftigt sich mit dem Thema Humor. Hat Ihr Lehrer Sie als Mensch gesehen? Dann hatten Sie Glück, sagt Christophe Fricker. Was Humor damit zu tun hat, die Persönlichkeit der Lernenden wahrzunehmen und ihnen auf Augenhöhe zu begegnen, ist Gegenstand seiner Kurse.