»Haltung«

Schüler können Mathematikaufgaben besser lösen, wenn die Lehrkraft ihre Worte mit Gesten untermalt. Zu diesem erstaunlichen Ergebnis kam vor einigen Jahren die amerikanische Psychologin Susan Goldin-Meadow, als sie für eine Studie die Wirkung von Handgesten untersuchte. Den meisten Lehrkräften sei gar nicht bewusst, welche Effekte sie mit unterstützenden Gesten erzielen könnten, stellte die Wissenschaftlerin damals fest und bedauerte, dass dieses Lernpotenzial nicht genutzt werde.

Die enorme Bedeutung von Körpersprache ist vielen Menschen nicht klar. Auf der einen Seite hilft Gestikulieren dem Gehirn beim Denken. Auf der anderen Seite sind Gesten, aber auch die Art wie wir uns hinstellen oder bewegen ein starker Spiegel des Unterbewusstseins. Unser Körper sendet dem Gegenüber bereits Botschaften, noch bevor wir anfangen zu sprechen. »Man kann nicht nicht kommunizieren«, brachte der Kommunikationswissenschaftler Paul Watzlawick es auf den Punkt: Kommunikation findet immer statt, auch wenn nicht gesprochen wird.

Für den Unterricht heißt das, dass Schülerinnen und Schülern neben den Erläuterungen oder Anweisungen ihrer Lehrerinnen und Lehrer auch sehr genau deren Körpersprache wahrnehmen. Diese nonverbalen Signale werden von ihnen im Unterbewusstsein dekodiert und vermitteln Hinweise über innere Stimmungen oder Einstellungen ihrer Lehrer. Stellt sich eine Lehrkraft zum Beispiel eher frontal vor einen Schüler oder geht sie mit ihm auf Augenhöhe, zeigt sie mit dem Zeigefinger oder macht sie eine Geste mit der ganzen Hand: Nonverbale Signale können erheblich dazu beitragen, ob Schülerinnen und Schüler eine Lern- beziehungsweise Gesprächsatmosphäre als angenehm und einladend empfinden oder eben nicht.

Sensibles Beobachten und Kenntnisse über Körpersprache können aber auch der Lehrkraft helfen, Situationen im Klassenraum besser einzuschätzen. Trainings vermitteln hilfreiche Hinweise über Körpersprache. Da Menschen aber ein feines Gespür dafür haben, ob körpersprachliche Signale authentisch sind oder einstudiert sind, ist es wichtig, stimmig und glaubwürdig zu bleiben, sagt Kommunikationstrainer Frank Jäger. In einem Training sollte es daher darum gehen, sich durch Selbstreflexion der eigenen Wirkung bewusst zu werden und sich auf die innere und äußere Haltung zu fokussieren: Nicht, was sage ich, sondern wie sage ich es? Wie beeinflusst meine Haltung möglicherweise das Verhalten meiner Schülerinnen und Schüler? Und: Wie kann ich durch ein anderes Auftreten eine andere Wirkung erzielen?

Die gute Nachricht: Weil innere und äußere Haltung miteinander in einer Wechselbeziehung stehen, ist es durchaus möglich, Gewohnheiten und Glaubenssätze zu durchbrechen. Unser inneres Empfinden spiegelt sich einerseits in unserer äußeren Haltung. Eine Veränderung der äußeren Haltung kann andererseits aber auch dazu beitragen, die innere Haltung zu beeinflussen. Ein Beispiel: Wer sich bewusst aufrecht hinstellt, fühlt sich tatsächlich gleich selbstbewusster.

Das Bewusstsein für die eigene Körpersprache kann ein Weg sein zu mehr innerer Gelassenheit und Ausstrahlung. Und Schülerinnen und Schülern helfen, Mathematik besser zu verstehen.

»Haltung« ist Ihr Thema: Als ausgebildeter Schauspieler wissen Sie, wie wirkmächtig Körpersprache auf der Bühne ist. Ihr Wissen geben Sie in verschiedenen Kursen weiter. Welchen Sinn macht es, sich außerhalb von Bühne mit seiner Körperhaltung zu beschäftigen?

Die Körperhaltung ist ein direkter Spiegel unserer Denk- und Verhaltensmuster. Wenn ich mir meine Haltung anschaue, kann ich zum Beispiel herausfinden, womit ich mir im Kopf unnötigen Druck mache. Welchen Konzepten ich unbewusst folge und was ich sonst noch so alles tue, ohne es zu merken. So kann ich auf meine Geisteshaltung Einfluss nehmen. Und das zeigt sich dann wiederum nach außen. Man wirkt souveräner, flexibler und gelassener.

Schauen wir auf Schule: Welche Haltung vermitteln wir unseren Schülerinnen und Schülern – wahrscheinlich eher unbewusst – über unsere Körpersprache? Beeinflusst das tatsächlich auch den Lernprozess?

Wir sind häufig sehr bemüht, die Schülerinnen und Schüler zu »erreichen«. Aber wir machen uns oft keinen Plan, wie das genau geht. Das resultiert in viel unnötiger Spannung und Arbeit. Und überträgt sich unbewusst auf die anderen. Und das Gehirn speichert ab: Wenn ich in der Schule bin, dann direkt mit einer ordentlichen Extraportion Anstrengung, die völlig ohne Ziel und dadurch ineffizient ist.

Und wenn ich jetzt meine »Haltung« verändere: Können Sie ein konkretes Beispiel geben, wie es sich auf meinen Unterricht auswirken kann?

Oft gerät man etwas »außer sich« und ist mit dem Fokus nur bei den Schülerinnen und Schülern. Wenn man aber immer wieder die Aufmerksamkeit für einen Moment zu sich holt, zur eigenen Beweglichkeit und Gelassenheit, dann kann das dazu führen, dass man eine andere Ruhe und Präsenz ausstrahlt. Die wiederum gestattet den Schülerinnen und Schülern einen anderen Raum, um in einen Lernprozess einzusteigen. »Aber ich kann doch nicht auch noch auf mich achten bei zwanzig Personen im Raum!« - Doch, können Sie! Dauert eine Sekunde. Merkt niemand.

Aber wie ich stehe, mich bewege, meine Gestik – das hat viel mit Gewohnheiten zu tun. Lässt sich das, was sich über viele Jahre eingeprägt hat, tatsächlich verändern?

Das Problem ist, dass wir das eigentlich nicht wollen. Denn diese Gewohnheiten, egal wie ungünstig, sind Teil unserer Identität. Daher ist es auch nicht mein Ziel, diese zu ändern, sondern Alternativen zu entwickeln. Dann heißt es statt: »Ich bin halt so, ich kann das nur so«, vielleicht: »Ich habe das bisher zwar immer so gemacht, aber ich hätte noch drei andere Wahlmöglichkeiten zur Verfügung«. Wir können aufhören, uns durch unsere Selbstdefinition einzuschränken.

 

Tipps

»Die Definition von Wahnsinn ist, immer wieder das Gleiche zu tun und andere Ergebnisse zu erwarten!« (Albert Einstein): Um hinderliche Gewohnheiten abzulegen und neue Prioritäten zu setzen, arbeitet Eric Rentmeister mit der sogenannten Alexander-Technik. Das Buch von Michael Gelb »Körperdynamik - eine Einführung in die F.M. Alexander-Technik« ist eine gute, leicht zu lesende Einführung. 

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Hörbuch-Fans können sich in »Der Gebrauch des Selbst« von F. M. Alexander die persönlichen Umstände schildern lassen, die ihn zur Entwicklung der Methode führten.

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Trainingsaufgabe

Achten Sie darauf, wie unaufwändig und effizient Sie sich bei der Arbeit auf Ihren Stuhl setzen und sitzen. Beziehungsweise, wie Sie aufstehen und stehen. Fragen Sie sich, ob Sie dadurch eine Veränderung bei der Arbeit wahrnehmen.

Die 4-teilige Workshopreihe mit Eric Rentmeister zum Thema Es kommt eben doch auf die richtige Haltung an – Konstruktiver Umgang mit sich selbst fürs Lernen und Lehren begann am 29. September und endete am 22. Oktober 2020. Informationen zu den Inhalten finden Sie noch auf unserer Website.

Aufgrund der guten Resonanz ist geplant, den Workshop erneut anzubieten. Wenn Sie daran Interesse haben, schreiben Sie uns eine E-Mail.

 

Sonne, die in Bäume strahlt. ThemenSPECIAL Starker Unterricht

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Zum Referenten

Eric Rentmeister studierte Schauspiel, Gesang und Tanz an der Folkwang Hochschule Essen. Heute hat er Lehraufträge an verschiedenen Hochschulen und ist zertifizierter Lehrer für Alexander-Technik. In seinen »Haltungs«-Kursen hilft er Menschen, bei sich anzukommen und mehr Gelassenheit zu erreichen. »Wir können jeden Tag die Entscheidung treffen, anders zu sein«, sagt er.