Interview
Fragen und Antworten zur Begabungsförderung in Niedersachsen

Interview mit Dr. Ulrike Behrens
Stellv. Leiterin des Referats 53 Inklusion im Bildungswesen, Förderschulen im Niedersächsischen Kultusministerium.

Frau Dr. Behrens, Inklusive Schule und Individuelle Förderung sind als Grundsätze im Niedersächsischen Schulsystem verankert. Auf welchem Selbstverständnis beruht in Niedersachsen die Begabungsförderung von Kindern und Jugendlichen?

Das Ziel der Schaffung einer inklusiven Schule erkennt als Grundtatsache an, dass sich Schülerinnen und Schüler hinsichtlich ihrer Lernvoraussetzungen, Entwicklungsmöglichkeiten und Unterstützungsbedarfe unterscheiden. Heterogene Lerngruppen stellen die Normalsituation in der schulischen Arbeit dar. Dabei versteht sich die inklusive Schule als eine Schule, die die Heterogenität ihrer Schülerschaft als Voraussetzung anerkennt, pädagogische Unterstützungsbedarfe aller Art erkennt und in jeder Schulform individuell angepasste Angebote plant und vorhält.

Unser Ziel ist also eine begabungsgerechte individuelle Förderung. Jede Schülerin und jeder Schüler soll die Unterstützung erfahren, die ihren oder seinen Lernvoraussetzungen und Entwicklungsmöglichkeiten entspricht. Wir gehen also davon aus, dass jedes Kind und jeder Jugendliche einen pädagogischen Unterstützungsbedarf hat - sei es aufgrund eines besonderen Leistungspotenzials oder aufgrund von Lernhemmnissen.

Ein Alleinstellungsmerkmal in Niedersachsen ist das Modell der Begabungsförderung in Schulverbünden - den Kooperationsverbünden Förderung besonderer Begabungen. Mit welchem Ziel wurden die Verbünde eingerichtet und welche Einrichtungen kooperieren hier miteinander?

Die Kooperationsverbünde Förderung besonderer Begabungen, in denen allgemein bildende Schulen und Kindertageseinrichtungen zusammenarbeiten, wurden mit dem Ziel eingerichtet, Begabungen möglichst früh zu erkennen und umfassend zu fördern. Dabei sollen für die einzelne Schülerin und den einzelnen Schüler Brüche in Bildungsbiographien vermieden werden. Die beteiligten Schulen können ihre Kompetenzen addieren, voneinander lernen und ein ebenso breites wie differenziertes Angebot gestalten.

Diese Form der individuellen Förderung verlangt besonders qualifizierte Lehrkräfte und Schulleitungen. Wie werden Schulen auf diese Aufgabe vorbereitet und bei der Umsetzung unterstützt?

Zum einen sind uns Eigeninitiative und Interesse der Schulen wichtig. Schulen, die sich zu Schulverbünden, den Kooperationsverbünden »Förderung besonderer Begabungen« zusammenschließen wollen, haben häufig bereits aus der eigenen Praxis heraus Erfahrungen im Umgang mit besonders begabten Kindern und Jugendlichen gesammelt.

Die Schulen können bedarfsorientierte Fortbildungsangebote in Anspruch nehmen. Außerdem steht ihnen die gesamte Bandbreite des niedersächsischen Beratungs- und Unterstützungssystems für Schulen zur Verfügung.
Innerhalb der Schulverbünde gibt es eine Koordinatorin oder einen Koordinator. Zudem werden die Verbundsschulen regelmäßig von den Beratungsteams besucht.

Niedersachsen ist aber auch ein Spitzenstandort des Sports. Wo finden talentierte junge Sportlerinnen und Sportler Förderung?

Zunächst gibt es in Hannover zur Förderung von sportlichen Spitzentalenten mit finanzieller Unterstützung des Bundes, des Landes und der Niedersächsischen Lottostiftung ein Sportinternat. Darüber hinaus haben seit 2003 Schülerinnen und Schüler, die sich dem Leistungssport widmen, an derzeit landesweit 13 Partnerschulen des Leistungssports die Möglichkeit, für ihre schulische und sportliche Leistungsentwicklung gleichermaßen Unterstützung zu erhalten. Zu diesem Konzept der Regionalisierung des Leistungssports gehört auch ein breitensportlicher Aspekt. Das Zertifikat Sportfreundliche Schule erhalten Schulen mit einem ausgewiesenen Schwerpunkt für Spiel, Sport und Bewegung in ihrem Schulprogramm.

Und welche charakteristischen außerschulischen Förderangebote ergänzen die schulische Begabungsförderung in Niedersachsen?

Hier unterscheidet sich Niedersachsen kaum von anderen Bundesländern: Begabte Schülerinnen und Schüler können am Frühstudium und anderen Angeboten der niedersächsischen Hochschulen teilhaben.

Sie können Schülerakademien besuchen. Neben den drei JuniorAkademien und der Deutschen SchülerAkademie gibt es in Niedersachsen eine Reihe gut eingeführter regionaler Akademien. Wir freuen uns darüber, dass das Akademieangebot für ganz junge Teilnehmerinnen und Teilnehmer inzwischen auch durch Kinderakademien bereichert wird.

Viele begabte Kinder und Jugendliche erproben sich in anspruchsvollen Schülerwettbewerben.

Das heißt, die Kooperation mit außerschulischen Partnern ist hier von zentraler Bedeutung?

Das trifft vollkommen zu. Um vielfältigen Begabungen Anreize zu bieten, braucht es ein breit gefächertes Angebot. Zum einen könnten Schulen dies in der notwendigen Breite aus eigener Kraft gar nicht gestalten.

Zum anderen schätzen es die Schülerinnen und Schüler, wenn sie einmal nicht im schulischen Kontext arbeiten. In außerschulischen Angeboten finden sie Möglichkeiten, neue Wissenszugänge zu erproben, sich in Fragestellungen zu vertiefen und in einen Diskurs mit anderen Interessierten einzutreten. Auch der Umgang mit Herausforderungen und das Erfahren eigener Grenzen üben einen großen Reiz aus.

Zur Begabungsförderung gehört neben den Förderangeboten auch als ein wesentlicher Pfeiler die Beratung: Eltern, Schülerinnen und Schüler suchen Rat bei ihren persönlichen Fragen zur Begabungsförderung, Lehrkräfte und Schulleitungen benötigen schulfachliche Beratung und Begleitung.
Wie ist die Beratung in Niedersachsen organisiert? Wo findet der Einzelne mit seinem ganz persönlichen Anliegen professionelle Unterstützung?

In schulischen Alltagssituationen liegt es nahe, dass sich Erziehungsberechtigte und Schülerinnen und Schüler zunächst mit den Lehrkräften austauschen. Insbesondere in den Schulen, die zu den Kooperationsverbünden Förderung besonderer Begabungen gehören, sind die Lehrkräfte für Fragestellungen zur Begabungsförderung sensibilisiert.

Darüber hinaus gibt es im Flächenland Niedersachsen an den vier Standorten der Niedersächsischen Landesschulbehörde multiprofessionelle Beratungsteams, die in fachlichen, dienstlichen, pädagogischen, organisatorischen und psychologischen Fragen beraten können.

Im November 2016 ist die gemeinsame Initiative von Bund und Ländern ins Leben gerufen worden, bessere Entwicklungsmöglichkeiten für leistungsstarke und leistungsfähige Schülerinnen und Schüler zu schaffen, unabhängig von Herkunft, Geschlecht und sozialem Status. In jedem Bundesland sollen zunächst Pilotschulen über einen Zeitraum von fünf Jahren Konzepte zur Förderung erarbeiten. Die entwickelten Strategien und Konzepte werden der Schulpraxis anschließend zur Verfügung gestellt.
Welche nächsten Umsetzungsschritte stehen hier für Niedersachsen an, Frau Dr. Behrens, und wie schätzen Sie die zukünftige Entwicklung der Begabungsförderung in Niedersachsen ein?

Mit den über 500 Schulen und fast 130 Kindertageseinrichtungen, die zu unseren Kooperationsverbünden Förderung besonderer Begabungen gehören, und einer fast 15-jährigen Erfahrung in der Verbundarbeit starten wir von einer sehr guten Basis aus in die Arbeit der Gemeinsamen Initiative von Bund und Ländern zur Förderung leistungsstarker und potenziell besonders leistungsfähiger Schülerinnen und Schüler.

Wir werden sorgfältig unsere thematischen Schwerpunkte im Rahmen der Initiative auswählen. Dabei wird die Einbettung der Begabungsförderung in den Gesamtkontext der inklusiven Schule als einer Schule der Vielfalt leitend sein.

Herzlichen Dank!